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Abenteuer und Emotionen (fast) ohne Ende: die Falaysia-Reihe von Ina Linger

Ich weiß nicht, was mich geritten hat, mir ausgerechnet Band 1 einer 7-teiligen Fantasy-Reihe auszusuchen, als mir angeboten wurde, mir eines der E-Books der Autorin Ina Linger zum rezensieren auszusuchen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich die Grundidee vom perfiden Spiel der Magier mit einer geheimnisvollen Parallelwelt spannend fand. Nachdem ich mich erst einmal hineingefunden hatte in das Falaysia-Universium, hing ich dann doch wie ein Fisch an der Angel und musste einfach auch den Rest lesen. Ich hab mir also das Komplettpaket gekauft und wage daher zu behaupten, hier weitgehend unabhängig meine Meinung äußern zu können. Ein kurzer Überblick:


Worum geht’s?

Die Hauptpersonen dieser Fantasy-Reihe plagt ein ähnlich traumatisches Schicksal: Wie Schachfiguren sind sie von Magiern in eine fremde, mittelalterliche Welt versetzt worden, ohne zunächst zu wissen, welche Rolle sie dort spielen sollen und wie sie der Situation entkommen können. Ina Linger hat mit Falaysia eine bildgewaltige, wenn auch nicht sonderlich originelle Fantasy-Welt mit eigenen Sprachen und teilweise auch neuen Fabelwesen erschaffen, die aber die Handlung nie entscheidend dominieren. Im Zentrum der Geschichte stehen stattdessen Machtinteressen, Magie und Liebe.

Seit die Ende 20-jährige Psychologin Jenna von einem Magier völlig unvorbereitet in diese Welt geworfen wurde, findet sie kaum eine ruhige Minute, sondern erlebt ein Abenteuer nach dem anderen. Nach und nach erfährt sie mehr über die Welt, in der sie sich nun befindet – nicht zuletzt durch Leon, den sie dort kennenlernt und mit dem sie sich allmählich anfreundet. Und noch jemandem begegnet sie immer wieder: Dem Kriegerfürsten Marek, den sie nicht nur äußerst bedrohlich, sondern auch noch sehr anziehend findet – und der Leons Erzfeind ist. Als ein ganz besonderer Stein ausgerechnet auf sie reagiert, befindet sich Jenna endgültig im Mittelpunkt der Intrigen der Mächtigen in dieser vom Krieg gebeutelten Welt.

Liebe auf den zweiten Blick

Der Einstieg ist mir aus mehreren Gründen nicht ganz leicht gefallen. Einerseits musste ich mich an die Erzählweise gewöhnen und zunächst mit dem relativ distanzierten Erzähler vier Kapitel in Folge vier mir noch unbekannten Figuren über die Schulter blicken. Danach wechselte die Perspektive glücklicherweise nur noch zwischen Hauptperson Jenna und ihrem Freund Leon hin und her. Am Anfang und Ende jedes Bands erfährt der Leser, was Jennas Bruder Benjamin und ihre Tante Melina über Jennas Verbleib herausfinden. Davor schildert ein Prolog noch Erlebnisse einer weiteren Person. Dieses Prinzip hat Ina Linger in allen Bänden bewundernswert konsequent beibehalten und nach dem ersten Teil hatte ich mich daran gewöhnt. Andererseits fiel es mir zunächst schwer, mich zu orientieren. Befand ich mich nun im Mittelalter? Oder im Jetzt? Erst in Kapitel 4 erfuhr ich dann, dass sich Jennas ursprüngliche Heimat mitsamt Internet und Telefon im heutigen England befindet. Denn der zuvor geschilderte Hinterhof, in dem ihre Tante Melina lebt, hätte um 1900 in Berlin genauso aussehen können. Teilweise kam es mir sehr merkwürdig vor, wenn die Figuren häufig nicht bei ihrem Namen, sondern zum Beispiel mit „die junge Frau“, „der Krieger“ und „die Verfolgte“ umschrieben wurden. Damit habe ich lange gefremdelt, hatte aber auch das Gefühl, dass die Autorin im Laufe der Reihe sprachlich immer flüssiger geschrieben hat – oder mir ist es dann nicht mehr so aufgefallen.

Buch-Titel „Falaysia Band II: Trachonien“ – Ina Linger hat ihre Cover übrigens selbst gestaltet.

Die Hauptperson Jenna schließt man recht schnell ins Herz, denn sie ist durch und durch gut, beinahe naiv gutgläubig, wie ein Lamm unter Wölfen. Trotzdem fand ich ihre Figur nicht unglaubwürdig, denn mit ihrem psychologischen Einfühlungsvermögen und ihrer Willensstärke gelang es ihr trotzdem immer wieder, sich durch schwierige Situationen zu manövrieren. Und natürlich hat auch sie schwache Phasen – wenn ihr für meinen Geschmack auch manchmal zu oft die Tränen gekommen sind und es schwer war, ihr bei der wochenlangen Verarbeitung eines Traumas zusehen zu müssen.

Leon, aus dessen Perspektive genauso oft erzählt wurde, blieb für mich ein minder klar umrissener Charakter. Auch fand ich es oft etwas weniger spannend, Leons Erlebnissen zu folgen, als Jennas – was aber oft so ist bei Büchern, die zwischen zwei Perspektiven wechseln. Leon ist traumatisiert und pessimistisch, gewinnt durch Jenna aber Schritt für Schritt seine Hoffnung zurück. Obwohl er kein klischeehafter Krieger ist, scheint er doch ein geschickter Kämpfer und Stratege zu sein. Die innige Freundschaft zwischen ihm und Jenna hat mich oft verunsichert – soll es noch eine Romanze werden oder liegt es nur an mir, dass ich nie einen männlichen Kumpel hatte, den ich ohne Hintergedanken so umarmen und Wangenküsschen hätte geben konnte wie Jenna Leon? Andererseits finde ich genau diese vorbehaltlosen, ehrlichen, gefühlvollen Freundschaften toll, die in dieser Geschichte so oft auftauchen. Leon war mir nicht immer durchweg sympathisch, denn er hat besonders zu Beginn eine extrem rachsüchtige Seite. Aber gerade in der Weiterentwicklung und Veränderung der Charaktere liegt die Stärke Ina Lingers, wie ich finde.

Marek, die dritte Hauptperson, hat offenbar jahrzehntelang hart an seinem bösen Image gearbeitet und er kann auch durchaus sehr brutal, gehässig und zynisch sein. Gleichzeitig ist er hochintelligent – und ja, auch er hatte keine glückliche Kindheit. Natürlich schält Psychologin Jenna Schicht für Schicht den „wahren“ Kern der Persönlichkeit dieses Mannes heraus – was oft nur knapp am Klischee vorbeischrammt. Nicht nur in Bezug auf Marek muss man als Leser damit klar kommen, dass sich die Autorin besonders viel Zeit nimmt, um mit psychologischer Gründlichkeit in die Gefühlswelt ihrer Figuren einzutauchen. Glücklicherweise ist Ina Linger klug genug, auch Marek seine Ecken und Kanten bis zum Schluss zu lassen.

Kein Schwarz und Weiß

Es sind nicht nur die vielen Kämpfe und schweren körperlichen Herausforderungen, sondern gerade die Spannung zwischen diesen drei Hauptfiguren sowie die Konflikte zwischen vielen anderen toll ausgearbeiteten Charakteren, die diese Geschichte so fesselnd machen. Nicht alle Figuren finde ich bis zum Ende klar durchdacht und umrissen. Manche innige Freundschaften entstehen mir beinahe zu schnell. Aber bis zum Schluss fügen sich immer wieder neue Puzzleteile zusammen, bleiben viele Optionen offen und geschehen überraschende Wendungen – das bewundere ich sehr, wenn man die Länge der ganzen Geschichte bedenkt. Alles in allem bekommt man mit „Falaysia“ eine mitreißende Fantasy-Saga in der es kein Schwarz und Weiß gibt, sondern eine Geschichte von Liebe und Freundschaft mit auch mal widersprüchliche Figuren, die einem ans Herz wachsen. Man muss sich allerdings auf lange Leseabende einstellen – und je nachdem wie diszipliniert man ist, auf Schlafmangel.

Bewertung: 4 von 5.

Zukunftsszenario oder Verschwörungstheorie: „Eden Academy“ von Lauren Miller

Das Buch „Eden Academy“ (im Original „Free to Fall“) von Lauren Miller hat mich mit seiner Grundidee begeistert: Erschienen 2014, zeichnet es ein Szenario um das Jahr 2030 herum. Die Welt ähnelt unserer heutigen, aber die digitale Technik hat sich mit gleichbleibender Geschwindigkeit weiterentwickelt. Die heute großen Tech-Konzerne sind von einer einzigen, alles beherrschenden Firma verdrängt worden, die den Menschen ein begehrtes Smartphone buchstäblich an die Hand gibt, das deren Alltag zum Besseren lenkt. Mit seiner Entscheidungs-App Lux hilft es bei der Wahl des Essens, des Partners, der Ausbildung und macht so das Leben einfacher, besser und glücklicher – oder?

Deutsches Buchcover von „Eden Academy“, erschienen im Ravensburger Verlag

Bis die Hauptperson Rory an die begehrte Elite-Universität Eden Academy kommt, folgt sie diesen neusten digitalen Gadgets wie die meisten anderen blind. In der neuen Stadt lernt sie den Punk North kennen, der sich obwohl oder weil er sich damit auskennt, nicht von der Technik lenken lassen will. Nach und nach kommt Rory einer riesigen Verschwörung auf die Spur, was sie in Lebensgefahr bringt. „Eden Academy“ ist eine Art Tech Thriller, garniert mit einer Liebesgeschichte.

Kann man trotz Technik selber denken?

Die Autorin wirft spannende Fragen auf: Wie viel sollte ein Konzern bestimmen dürfen? Hören wir auf selbst zu denken und auf unsere innere Stimme zu vertrauen, wenn wir auf Technik vertrauen? Können wir von Technik manipuliert werden?

Manchmal hatte ich Sorge, dass die christliche Symbolik im Buch überhand nehmen würde, dass die weitläufiger interpretierbare „innere Stimme“ komplett durch Gott ersetzt werden würde. Aber die Autorin hat es gerade noch geschafft, diese Frage dem Leser zur eigenen Interpretation offen zu lassen. Auch die Balance zwischen Technikbegeisterung und Technikfeindlichkeit gelingt ihr nur haarscharf. Weder das blinde Vertrauen noch der wahnhafte Verschwörungsglaube sind meiner Meinung nach angebracht. Denn wenn wir ehrlich sind, ist ein Zurück zum Papiergeld und zur Schreibmaschine auch nicht die Lösung. Doch das Buch regt zum Selberdenken, Reflektieren und zu einem gesunden Misstrauen an, was ich allen, die sich tagtäglich mit Smartphones, Computern, Social Media Netzwerken und Medien aller Art umgeben nur wünschen kann.

Das Buch „Eden Academy“ richtet sich an junge Erwachsene ab 12 Jahre, ist aber auch für Ältere spannend zu lesen.

So klingt der offizielle englische Trailer zum Buch:

MANN ist auch „nur“ ein Mensch

Der Paar- und Sexualtherapeut Eilert Bartels hat 2019 das Buch „huMANNoid | Männer sind Menschen“ veröffentlicht, das mich sehr bewegt hat. Auffällig, dass man den Zusammenhang Mann = Mensch und Frau = Mensch anno 2020 noch betonen muss, nicht wahr? Aber ganz offensichtlich bleibt es notwendig. – Eine Buchvorstellung*.

Das Buch ist eine Interviewsammlung der besonderen Art. Insgesamt standen für das Projekt 16 Männer zwischen 26 und 75 Jahren nackt vor der Kamera und haben im Interview persönlichste Fragen beantwortet.

Buchseite aus „huMANNoid“ von Eilert Bartels

Die Fotos selbst sind schon einmal insofern ungewöhnlich, dass die Fotografierten keine Models sind und die Bilder nicht bearbeitet. (Wer die Fotos genauer ansehen möchte, kann hier eine Galerie sehen.) An solche Bilder sind die meisten von uns nicht gewöhnt, weder bei Frauen- noch bei Männerkörpern – es sei denn, man geht hin und wieder in die Sauna oder zum Nacktbaden. Und obwohl ich eher zur letzteren Gruppe gehöre, musste ich mich erst einmal langsam an die vollflächig bedruckten Buchseiten mit den unbekannten Männern herantasten. Bezeichnenderweise habe ich sie zunächst abgedeckt und erst einmal gelesen. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr entstand bei mir das Gefühl, die Person auf den Bildern kennenzulernen. Und ab einem bestimmten Punkt, fiel es mir dann auch nicht mehr schwer, mich auf die Bilder einzulassen und sie genauer zu betrachten.

„Plötzlich soll ich meinen Körper oder den Körper anderer Männer schön finden?“

– Zitat aus einem Interview in huMANNoid

In den Interviews ging es konsequent nicht um Job, Familienstand, Rollen und gesellschaftlichen Status aller Art. Vielmehr standen immer die gleichen psychologischen Fragen im Mittelpunkt: Was bereitet dir Freude, Trauer, Wut, Angst, Ekel, Lust? Letztere, die männliche Lust, auch zwischen Täter- und Opferrolle, spielte eine besondere Rolle. Das geht vermutlich auf die Prosession des Autors und auf einen der Anlässe zum Projekt zurück: die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015/16, die Männer (nicht zum ersten Mal) pauschal in eine Täterrolle drängten. In „huMANNoid“ wird auf beides eingegangen, indem Eilert Bartels seine Gesprächspartner zunächst fragt, ob sie selbst schon einmal psychische oder physische Gewalt erfahren haben. In diesem Moment beginnt man sich gemeinsam mit dem Interviewten mit der Materie zu beschäftigen und bemerkt, wie fließend hier die Grenzen sind zwischen dem, was als noch „normal“ und was bereits als übergriffig wahrgenommen wird. Durch diese Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen, fällt es dann leichter, im Interview auch darüber zu reflektieren, ob man selbst schon einmal übergriffig geworden ist. Ich persönlich habe mir mit jedem gelesenen Interview die Fragen auch selbst gestellt und kann es sehr empfehlen, sie einfach einmal an sich heran zu lassen.

Mich persönlich ärgert Ungerechtigkeit aller Art, die gegen Frauen, die gegen Männer, gegen Menschengruppen eben. Das fängt bei platten Witzen an, geht vorbei an groben Pauschalisierungen und hört bei spürbaren Benachteiligungen auf.

Inzwischen hat die Forschung meines Wissens gezeigt, dass es nicht das „typisch“ Weibliche bzw. Männliche gibt, sondern dass das Spektrum innerhalb der Geschlechter größer ist als zwischen den Geschlechtern. Es gibt also sowohl Frauen und Männer mit überwiegend männlich konnotierten Eigenschaften und Frauen und Männer mit überwiegend weiblich besetzten Charakterzügen. Das ist menschlich und vieles, was wir für „typisch das eine“ oder „typisch das andere“ ist von klein auf so erlernt.

Buchseite aus „huMANNoid“ von Eilert Bartels

Auch dieser Einfluss von Erziehung und Erfahrungen spielte in den Interviews eine große Rolle. Mit jedem Interview kamen auch neue Aspekte und Eindrücke hinzu. In Anbetracht von manchen Erlebnissen, die da geschildert wurden, begann ich mich immer dankbarer für mein eigenes Elternhaus und soziales Umfeld zu fühlen. Letztlich werden wir Menschen schließlich jahrelang durch unsere Umgebung geformt. Glücklicherweise verzichtete das Buch darauf, Männer pauschal in eine Opferrolle zu stellen, sondern verlangt dem Leser einfach einen genaueren, unvoreingenommenen Blick auf Menschen ab.

Obwohl das Spektrum der Interviewten sehr breit war, hatte ich trotzdem nicht das Gefühl, dass es ausgewogen war. Das liegt daran, dass alle Interviewten ja völlig freiwillig an dem Projekt teilgenommen haben, was wiederum jemanden leichter fällt, der bereits gründlich über seine Identität nachgedacht hat. Zumindest kam es mir so vor, als hätten überdurchschnittlich viele der vorgestellten Männer schon einmal in Männergruppen über ihr Mannsein nachgedacht oder waren in der Tandra-Szene aktiv. Gerne hätte ich den Männern (und Frauen) in meiner Umgebung genau die gleichen Fragen gestellt, um die Erfahrungen weiter einzuordnen. Bei dem Versuch bin ich allerdings vorerst abgeblitzt – und ich fürchte, dass viele nicht bereit sein würden, so viel von sich Preis zu geben und sich so intensiv mit sich selbst zu beschäftigten wie die von Bartels Interviewten. Für so viel Mut gebührt ihnen Anerkennung.

Trotzdem ist es mir nicht immer leicht gefallen, mich auf die interviewten Männer einzulassen. Natürlich bildet man sich ganz automatisch vorschnell eine Meinung zu einer Person. Manche Ansichten und Empfindungen konnte ich auch schlicht nicht teilen. Das Lesen eines Interviews hat mich dann dem Interviewten näher gebracht, ich hab ihn neu gesehen und zumindest verstehen gelernt – als Mensch gesehen. Eilert Bartels Buch lehrt uns, auch im Alltag genauer hinzuschauen, nachzufragen, den Menschen hinter der gesellschaftlichen Fassade zu sehen – kurz gesagt, mehr Empathie zu zeigen.

Perfekt wäre das Buch für mich gewesen, wenn es Menschen beiderlei Geschlechts vorgestellt hätte. Dann wäre überdeutlich geworden, wie ähnlich wir uns alle sind in unserem Denken, unseren Ängsten, Freuden und unseren Erfahrungen.

Eilert Bartels
huMANNoid – Männer sind Menschen
2018
336 Seiten
ISBN-13: 978-3943622386

*Für die Rezension wurde mir ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.