Dann werde ich eben Baum! – „Frauen ohne Männer“ von Shahrnush Parsipur

Die iranische Autorin Shahrnush Parsipur hat „Frauen ohne Männer“ schon in den 1970er Jahren als eine Reihe von Novellen geschrieben. 1989 erschienen sie erstmals in Romanform und waren im Heimatland der Autorin sofort ausverkauft und verboten. 2009 erhielt die Film-Adaption „Women without men“ von Shirin Neshat einen Preis bei den Filmfestspielen in Venedig. 2012 erschien das Buch auf Deutsch bei Suhrkamp / Insel und 2019 auf Dänisch im Gyldendal-Verlag. Letztere Fassung hab ich gelesen – und für gut befunden. Warum? – Das will ich kurz zusammenfassen.

Cover Shahrnush Parsipur - Frauen ohne Männer - Suhrcamp Verlag

Shahrnush Parsipur
Frauen ohne Männer

Mit einem Nachwort der Autorin
Aus dem Farsi von Jutta Himmelreich

Erschienen: 13.08.2012
Bibliothek Suhrkamp 1471, Gebunden, 134 Seiten
ISBN: 978-3-518-22471-7


Für mich war es unglaublich exotisch, mental ins Teheran der 1950er Jahre einzutauchen. Auf den Straßen herrscht Aufruhr und Krieg, hinter den Haustüren Langeweile – nicht nur für die weiblichen Protagonisten. Deren Leben kreist beispielsweise um ihre Jungfräulichkeit, um die Fragen, wer das bessere Essen kocht und ob der Bruder der Freundin auf einen aufmerksam wird, wie man sich auch ohne Mann fortpflanzen könnte, wieso man alle Männer plötzlich ohne Köpfe sieht oder wann der nervige Ehemann nun endlich das Haus verlässt, damit man in Ruhe seinen Tagträumen nachgehen kann. Diese Lebenswelten von fünf sehr unterschiedlichen Frauen flicht die Autorin geschickt so zusammen, dass sie sich am Ende in einem wundersamen Garten in Karadsch (damals noch ein Dorf!) begegnen, eine Weile begleiten und wieder trennen. Im Mittelpunkt stehen Lebensträume – die Welt sehen, Parlamentsmitglied werden, eins werden mit der Natur.

Welche Wahl hast du im Leben?

In „Frauen ohne Männer“ geschehen unerwartete Dinge. Die realistischen Schilderungen münden plötzlich in magischen Transformationen und grotesken Ereignissen. Tod bedeutet nicht unbedingt das Ende, es erwächst Neues. Das menschliche Ich, die geschlechtliche Identität sprengt ihre Ketten, überschreitet Grenzen. Das alles schildert Shahrnush Parsipur mit einer ungeheuren Poesie.

Für dieses originelle und einzigartige Büchlein musste Shahrnush Parsipur zum zweiten Mal ins Gefängnis. Auch ihre anderen Bücher sind in ihrer Heimat verboten. Zusammengerechnet verbrachte sie fünf Jahre in Gefangenschaft. Heute lebt die Autorin in Kalifornien.

Von mir bekommt „Frauen ohne Männer“ eine absolute Leseempfehlung – weil es zum Nachdenken anregt, kurzweilig, ungewohnt und poetisch ist.

Bewertung: 5 von 5.
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Abenteuer und Emotionen (fast) ohne Ende: die Falaysia-Reihe von Ina Linger

Ich weiß nicht, was mich geritten hat, mir ausgerechnet Band 1 einer 7-teiligen Fantasy-Reihe auszusuchen, als mir angeboten wurde, mir eines der E-Books der Autorin Ina Linger zum rezensieren auszusuchen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich die Grundidee vom perfiden Spiel der Magier mit einer geheimnisvollen Parallelwelt spannend fand. Nachdem ich mich erst einmal hineingefunden hatte in das Falaysia-Universium, hing ich dann doch wie ein Fisch an der Angel und musste einfach auch den Rest lesen. Ich hab mir also das Komplettpaket gekauft und wage daher zu behaupten, hier weitgehend unabhängig meine Meinung äußern zu können. Ein kurzer Überblick:


Worum geht’s?

Die Hauptpersonen dieser Fantasy-Reihe plagt ein ähnlich traumatisches Schicksal: Wie Schachfiguren sind sie von Magiern in eine fremde, mittelalterliche Welt versetzt worden, ohne zunächst zu wissen, welche Rolle sie dort spielen sollen und wie sie der Situation entkommen können. Ina Linger hat mit Falaysia eine bildgewaltige, wenn auch nicht sonderlich originelle Fantasy-Welt mit eigenen Sprachen und teilweise auch neuen Fabelwesen erschaffen, die aber die Handlung nie entscheidend dominieren. Im Zentrum der Geschichte stehen stattdessen Machtinteressen, Magie und Liebe.

Seit die Ende 20-jährige Psychologin Jenna von einem Magier völlig unvorbereitet in diese Welt geworfen wurde, findet sie kaum eine ruhige Minute, sondern erlebt ein Abenteuer nach dem anderen. Nach und nach erfährt sie mehr über die Welt, in der sie sich nun befindet – nicht zuletzt durch Leon, den sie dort kennenlernt und mit dem sie sich allmählich anfreundet. Und noch jemandem begegnet sie immer wieder: Dem Kriegerfürsten Marek, den sie nicht nur äußerst bedrohlich, sondern auch noch sehr anziehend findet – und der Leons Erzfeind ist. Als ein ganz besonderer Stein ausgerechnet auf sie reagiert, befindet sich Jenna endgültig im Mittelpunkt der Intrigen der Mächtigen in dieser vom Krieg gebeutelten Welt.

Liebe auf den zweiten Blick

Der Einstieg ist mir aus mehreren Gründen nicht ganz leicht gefallen. Einerseits musste ich mich an die Erzählweise gewöhnen und zunächst mit dem relativ distanzierten Erzähler vier Kapitel in Folge vier mir noch unbekannten Figuren über die Schulter blicken. Danach wechselte die Perspektive glücklicherweise nur noch zwischen Hauptperson Jenna und ihrem Freund Leon hin und her. Am Anfang und Ende jedes Bands erfährt der Leser, was Jennas Bruder Benjamin und ihre Tante Melina über Jennas Verbleib herausfinden. Davor schildert ein Prolog noch Erlebnisse einer weiteren Person. Dieses Prinzip hat Ina Linger in allen Bänden bewundernswert konsequent beibehalten und nach dem ersten Teil hatte ich mich daran gewöhnt. Andererseits fiel es mir zunächst schwer, mich zu orientieren. Befand ich mich nun im Mittelalter? Oder im Jetzt? Erst in Kapitel 4 erfuhr ich dann, dass sich Jennas ursprüngliche Heimat mitsamt Internet und Telefon im heutigen England befindet. Denn der zuvor geschilderte Hinterhof, in dem ihre Tante Melina lebt, hätte um 1900 in Berlin genauso aussehen können. Teilweise kam es mir sehr merkwürdig vor, wenn die Figuren häufig nicht bei ihrem Namen, sondern zum Beispiel mit „die junge Frau“, „der Krieger“ und „die Verfolgte“ umschrieben wurden. Damit habe ich lange gefremdelt, hatte aber auch das Gefühl, dass die Autorin im Laufe der Reihe sprachlich immer flüssiger geschrieben hat – oder mir ist es dann nicht mehr so aufgefallen.

Buch-Titel „Falaysia Band II: Trachonien“ – Ina Linger hat ihre Cover übrigens selbst gestaltet.

Die Hauptperson Jenna schließt man recht schnell ins Herz, denn sie ist durch und durch gut, beinahe naiv gutgläubig, wie ein Lamm unter Wölfen. Trotzdem fand ich ihre Figur nicht unglaubwürdig, denn mit ihrem psychologischen Einfühlungsvermögen und ihrer Willensstärke gelang es ihr trotzdem immer wieder, sich durch schwierige Situationen zu manövrieren. Und natürlich hat auch sie schwache Phasen – wenn ihr für meinen Geschmack auch manchmal zu oft die Tränen gekommen sind und es schwer war, ihr bei der wochenlangen Verarbeitung eines Traumas zusehen zu müssen.

Leon, aus dessen Perspektive genauso oft erzählt wurde, blieb für mich ein minder klar umrissener Charakter. Auch fand ich es oft etwas weniger spannend, Leons Erlebnissen zu folgen, als Jennas – was aber oft so ist bei Büchern, die zwischen zwei Perspektiven wechseln. Leon ist traumatisiert und pessimistisch, gewinnt durch Jenna aber Schritt für Schritt seine Hoffnung zurück. Obwohl er kein klischeehafter Krieger ist, scheint er doch ein geschickter Kämpfer und Stratege zu sein. Die innige Freundschaft zwischen ihm und Jenna hat mich oft verunsichert – soll es noch eine Romanze werden oder liegt es nur an mir, dass ich nie einen männlichen Kumpel hatte, den ich ohne Hintergedanken so umarmen und Wangenküsschen hätte geben konnte wie Jenna Leon? Andererseits finde ich genau diese vorbehaltlosen, ehrlichen, gefühlvollen Freundschaften toll, die in dieser Geschichte so oft auftauchen. Leon war mir nicht immer durchweg sympathisch, denn er hat besonders zu Beginn eine extrem rachsüchtige Seite. Aber gerade in der Weiterentwicklung und Veränderung der Charaktere liegt die Stärke Ina Lingers, wie ich finde.

Marek, die dritte Hauptperson, hat offenbar jahrzehntelang hart an seinem bösen Image gearbeitet und er kann auch durchaus sehr brutal, gehässig und zynisch sein. Gleichzeitig ist er hochintelligent – und ja, auch er hatte keine glückliche Kindheit. Natürlich schält Psychologin Jenna Schicht für Schicht den „wahren“ Kern der Persönlichkeit dieses Mannes heraus – was oft nur knapp am Klischee vorbeischrammt. Nicht nur in Bezug auf Marek muss man als Leser damit klar kommen, dass sich die Autorin besonders viel Zeit nimmt, um mit psychologischer Gründlichkeit in die Gefühlswelt ihrer Figuren einzutauchen. Glücklicherweise ist Ina Linger klug genug, auch Marek seine Ecken und Kanten bis zum Schluss zu lassen.

Kein Schwarz und Weiß

Es sind nicht nur die vielen Kämpfe und schweren körperlichen Herausforderungen, sondern gerade die Spannung zwischen diesen drei Hauptfiguren sowie die Konflikte zwischen vielen anderen toll ausgearbeiteten Charakteren, die diese Geschichte so fesselnd machen. Nicht alle Figuren finde ich bis zum Ende klar durchdacht und umrissen. Manche innige Freundschaften entstehen mir beinahe zu schnell. Aber bis zum Schluss fügen sich immer wieder neue Puzzleteile zusammen, bleiben viele Optionen offen und geschehen überraschende Wendungen – das bewundere ich sehr, wenn man die Länge der ganzen Geschichte bedenkt. Alles in allem bekommt man mit „Falaysia“ eine mitreißende Fantasy-Saga in der es kein Schwarz und Weiß gibt, sondern eine Geschichte von Liebe und Freundschaft mit auch mal widersprüchliche Figuren, die einem ans Herz wachsen. Man muss sich allerdings auf lange Leseabende einstellen – und je nachdem wie diszipliniert man ist, auf Schlafmangel.

Bewertung: 4 von 5.
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Die Antwort auf alle Fragen liegt in der Bonbondose: Die Zimt-Trilogie von Dagmar Bach

Die „Zimt“-Trilogie von Dagmar Bach habe ich gemeinsam mit der 9-jährigen Büchermotte laut gelesen und nachdem unsere Meinungen diesmal auseinander gingen, habe ich mich entschieden, diesmal alleine der Büchermotte die Bewertung der Geschichte zu überlassen – und sie vergibt volle 5 Sterne!

Zimt und weg

Die vertauschten Welten der Victoria King

Zimt, Band 1

  • Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch
  • Erscheinungstermin: 24.06.2020
  • Lieferstatus: Verfügbar
  • 336 Seiten
  • empfohlenes Alter: ab 12 Jahre
  • ISBN: 978-3-7335-0243-0
  • Autorin: Dagmar Bach

Zimt und zurück

Die vertauschten Welten der Victoria King

Zimt, Band 2

  • Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch
  • Erscheinungstermin: 24.06.2020
  • Lieferstatus: Verfügbar
  • 384 Seiten
  • empfohlenes Alter: ab 12 Jahre
  • ISBN: 978-3-7335-0244-7
  • Autorin: Dagmar Bach

Zimt und ewig

Die vertauschten Welten der Victoria King

Zimt, Band 3

  • Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendbuch
  • Erscheinungstermin: 21.09.2017
  • Lieferstatus: Verfügbar
  • 400 Seiten
  • empfohlenes Alter: ab 12 Jahre
  • ISBN: 978-3-7373-4049-6
  • Autorin: Dagmar Bach

Worum geht’s?

Die Grundidee der „Zimt“-Trilogie ist ein tolles Gedankenspiel: Was wäre wenn ein Detail im Leben anders verlaufen wäre, würde sich dann gleich auch alles andere ändern? Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich an diesem oder jenem Punkt nicht genau diese Entscheidung getroffen hätte? Wäre mein Alltag nun völlig anders, wenn damals nicht zufällig dies und das passiert wäre? Wenn Victoria King Zimtduft in die Nase steigt, passiert meist etwas Außergewöhnliches – sie tauscht den Platz mit ihrem Alter Ego aus einer Parallelwelt, die ihrer eigenen zwar ähnelt, aber nicht völlig gleich ist. Das wirft nicht nur Fragen auf, sondern bringt auch einiges durcheinander.

Liebenswürdig und witzig

Zwei der größten Pluspunkte der „Zimt“-Reihe sind der Sprachwitz und die Situationskomik, mit der Dagmar Bach uns mit in Victoria Kings Leben nimmt. Dabei wird man als Leser in Victorias Freundeskreis aufgenommen – so zumindest fühlt es sich an, wenn sie in der Ich-Form erzählt, fast wie in einem Brief an eine gute Freundin. Diesen Eindruck unterstreichen noch die Checklisten, Nachrichten und Briefchen, die manchmal in den Text eingestreut werden.

In Victorias Umfeld gibt es unglaublich viele Figuren mit liebenswürdigen, schrägen Eigenschaften: Allen voran ihre Mutter, die mit ihrer Dreistigkeit, ihrem England-Tick, ihrer Liebe zu vornehmen Hüten und Tee-Tassen mit witzigen Sprüchen immer wieder für Erheiterung sorgt, ohne dabei an Glaubhaftigkeit zu verlieren. Beim Lesen bekamen wir richtig Lust, uns auch solche Tassen anzuschaffen wie zum Beispiel die mit der Aufschrift „Hat die Blume einen Knick, war der Schmetterling zu dick“. Vickys Tante Polly ist ganz die verschrobene Wissenschaftlerin mit verrückten Einfällen – gegen die Originalität von Vickys Mum aber schon fast ein Klischee.

Vickys Freunde Pauline, Nicolas und Konstantin sind durchweg sympathisch und witzig, ohne nicht jeder eigene Stärken und Schwächen zu haben. Darüber hinaus präsentiert uns Dagmar Bach noch eine ganze Reihe unglaublich nerviger, aber dafür umso witzigerer Charaktere: darunter die chaotischen und vollends abgedrehten Großeltern, den „Bürgermeister“ und den verfressenen Dauer-Gast Röschen mit ihrem gelehrigen Beo.

Im Laufe der drei Bände lernt man die Bewohner der liebenswürdigen Kleinstadt, in der die Geschichte spielt, immer besser kennen. Manche vollziehen dabei auch erstaunliche Entwicklungen. Bis auf die außergewöhnliche Tatsache, dass Vicky in Parallelwelten springt, führt sie das Leben eines ganz normalen Teenagers. Die Probleme mit Freunden und der ersten Liebe beschreibt die Autorin sehr realitätsnah und nachvollziehbar.

Für erwachsene Leser fallen diese Schilderungen des stinknormalen Teenager-Alltags manchmal etwas langatmig aus. Auch der Handlungsverlauf war für mich größtenteils sehr vorhersehbar, was der Geschichte für mich viel Spannung genommen hat. Darüber hinaus gab es zu Beginn jedes neuen Bands sehr umständliche Wiederholungen des vorher Geschehenen – was vielleicht toll ist, wenn viel Zeit vergangen ist seit dem letzten Lesen, aber nicht, wenn man alles in einem Rutsch liest wie wir. Aber die Büchermotte fand das wiederum überhaupt nicht schlimm und wahrscheinlich hat es ihr gerade wegen der ausführlichen Einblicke in den Alltag einer 14-jährigen so gut gefallen.

Büchermottes Wertung

Die Büchermotte (9 Jahre) vergibt 5 Sterne. Bestimmt wird sie auch bald das Sequel „Zimt und verwünscht“ lesen, das die Trilogie fortsetzt.

Bewertung: 5 von 5.
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Ohne Herz, aber nicht herzlos – Die Fantasy-Trilogie „Heartless“

Sara Wolfs Geschichte über das Mädchen Zera, dessen Herz sich im Besitz einer Hexe befindet, und ihr Bemühen, wieder menschlich zu werden, hat mich neulich total in ihren Bann gezogen. Obwohl mich die Grundidee erstmal abgeschreckt hat: Zera soll ihr Herz wiederbekommen, wenn sie den Hexen das Herz eines gut aussehenden Prinzen bringt und wird zu einer Art Bräute-Casting an einen Königshof dieser Fantasy-Welt geschickt. Ehrlich, ich dachte, das kann nur kitschig werden: Hexe, Herz, Prinz – das klingt nach Klischee. Aber Sara Wolf hat mich positiv überrascht.

Ich musste (wie immer) unbedingt alle Bände lesen, was zu einer kleinen Odyssee eskalierte: Band 1 hatte ich mir als Hörbuch-Download gekauft, um nebenher Fotos sortieren zu können (ich hab den MP3-Player dann quasi permanent auf – übler Cliffhanger…). Band 2 gab es leider (noch?) nicht als Hörbuch, also hab ich mir das E-Book gekauft und in den nächsten Tagen verschlungen, nur um dann festzustellen, dass es Band 3 noch nicht auf Deutsch gab, weil er Anfang November 2020 erst auf Englisch erschienen ist. Also hab ich das Original als E-Book gelesen. Übrigens sind die englischen Titel sehr klangvoll und gefallen mir besser als die deutsche Übersetzung, die dem ganzen noch mehr diesen kitschigen Touch verleiht: Bring me their hearts, Find me their bones, Send me their souls. Hier ein Überblick über die Reihenfolge:

Sara Wolf

Heartless, Band 1: Der Kuss der Diebin
Ravensburger Verlag
ISBN: 978-3-473-47935-1

Heartless, Band 2: Das Herz der Verräterin
Ravensburger Verlag
ISBN: 978-3-473-40191-8

Bring Me Their Hearts, #3: Send Me Their Souls (auf Englisch)
Entangled: Teen
ISBN-10 : 1682815072

Empfohlen ab 16 Jahre
Bildquelle: Ravensburger Verlag


Worum geht’s?

Wir befinden uns in einer gut ausgearbeiteten Fantasy-Welt mit Hexen, die „Herzlose“ als Diener oder wahlweise auch als Bodyguards einsetzen. Hauptperson Zera wäre gestorben, wenn „ihre“ Hexe sie nicht zur Herzlosen gemacht hätte. Zu ihrem Unleben gehört einerseits, dass sie nicht sterben kann und dass ihre Wunden durch die Magie der Hexe wieder verheilen, andererseits aber auch, dass sie trotzdem Schmerzen fühlen kann und dass eine Stimme in ihrem Kopf („die Glut“) sie beinahe in den Wahnsinn treibt, wenn sie nicht einmal am Tag rohes Fleisch isst. In dieser Welt stehen sich Menschen und Hexen feindlich gegenüber. Außerdem gibt es noch drei andere Arten von nicht-menschlichen Wesen, die ich sehr originell finde (endlich mal keine Elfen, Drachen und Orks!), die ebenfalls eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen. Dass Zeras Auftrag, dem Prinzen sein Herz im wortwörtlichen Sinne zu stehlen, zu emotionalen Konflikten führt, ist vorprogrammiert. Denn dass Zera eine „Herzlose“ ist, bedeutet nicht, dass sie kein Gewissen hat oder sich nicht verlieben kann. Diese Gefühle begleiten sie durch alle drei Bände, ohne dass sie Selbstzweck der Story sind. Im Zentrum der actionreichen Geschichte stehen Zeras persönlicher Kampf und ihre Entwicklung und wie sie nebenbei versucht, die Welt zu retten. Es geht, kurz gesagt, um Selbstermächtigung, Freundschaft und Gerechtigkeit.

Sprachlich elegant, divers, originell

Sara Wolf kleidet ihre Geschichte in elegante und ungewöhnliche Sprachbilder, die mir wunderbar gefallen haben. Absolut positiv überrascht haben mich aber die vielen starken Charaktere, die sie geschaffen hat. Bestimmt kennt ihr alle die Figur „geheimnisvoller, gutaussehender Typ mit dunklem Geheimnis“, in den sich die Hauptperson eines Romans garantiert verliebt. Hier ist es umgekehrt, denn diese Beschreibung trifft auf Zera zu. Auch wenn Prinz Lucien gut mithalten kann, Zeras Geheimnis ist noch dunkler. Gleichzeitig ist sie frech, witzig, selbstbewusst und unerschrocken. Als Leser folgt man ihren inneren Konflikten und ihre Entscheidungen sind immer logisch und nachvollziehbar. Neben Zera gibt es weitere starke, sogar queere Frauen, die entscheidend zur Geschichte beitragen. Es gibt Figuren, denen durch harte Arbeit ein gesellschaftlicher Aufstieg gelingt, obwohl ihresgleichen sonst systematisch diskriminiert werden. Niemand hier ist perfekt und niemandem gelingt alles auf Anhieb oder im Alleingang. Alle drei Bände waren durchweg spannend und schnitten auch große, allgemeine Fragen unserer Gesellschaft an. Von mir gibt es 5 Sterne! Einziger Makel – das Ende fand ich etwas unausgegoren, aber vielleicht sind mir auf der Fremdsprache auch ein paar Nuancen entgangen.

Bewertung: 5 von 5.
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Unerkannte Parallelgesellschaft: „Der Hüter der fünf Leben“ von Nica Stevens

Liam ist anders als die anderen. Die 17-jährige Vivien will sein Geheimnis unbedingt lüften und gerät dabei selbst in Gefahr. Die Jugend-Romantasy-Geschichte „Der Hüter der fünf Leben“ der deutschen Fantasy-Autorin Nica Stevens haben die Büchermotte und ich als Hörbuch gehört. Die Geschichte fesselt, lässt aber noch Luft nach oben.

Nica Stevens
Hüter der fünf Leben
Sprecher: Reithmeier, Nina

Verlag: XPUB / XPUB GmbH
Gesamtlaufzeit: 600 Min.
Erscheinungstermin: April 2017
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 9783945703595


Worum geht’s?

Die mentale Reise geht nach Kanada. Hauptperson Vivien lebt bei ihrem Großvater, der unbedingt möchte, dass sie einmal eine erfolgreiche Anwältin in seiner Kanzlei wird. Vivien weiß noch nicht genau, was sie will – ihr Herz zieht sie in die Berge, in den Nationalpark, in dem ihr Vater arbeitet und in dem sie mit ihm und seinen Freunden unbeschwerte Kindheitstage verbracht hat. Als sie in den Sommerferien dort ankommt, trifft sie auch Liam, ihren Freund aus Kindertagen, wieder. Nur, dass er inzwischen erwachsen geworden ist, atemberaubend gut aussieht und sich total abweisend benimmt. Schnell findet Vivien heraus, dass er etwas verbirgt. Sie will unbedingt hinter sein Geheimnis kommen und kommt ihm dabei nicht nur näher, sondern bringt sich auch selbst in große Gefahr.

Gern etwas tiefgründiger

Die Hauptpersonen Vivien und Liam fand ich sehr sympathisch und ihre Handlungen meistens nachvollziehbar. Beide sind eher ruhige und introvertierte Charaktere. Während Liam durchgehend sehr stimmig dargestellt ist, fand ich Viviens Handlungen nicht immer passend oder nachvollziehbar. Zum Beispiel kam mir die Stelle, an der sie Liam beinahe erpresst, ihr mehr über sein Geheimnis zu erzählen, unpassend – ich an seiner Stelle hätte sie ab diesem Moment gehasst, bei mir als Leser hat sie damit einiges an Sympathie eingebüßt. Ein bisschen mehr Feingefühl hätte besser zu ihrem sonstigen Auftreten gepasst – still, aber neugierig und mutig.

Weißkopfseeadler
Spielt auch eine Rolle in der Geschichte (Image by Rob Brown from Pixabay)

Viviens Großvater erschien als durch und durch unfreundlicher Protagonist. Es war schwer, sich vorzustellen, dass Vivien irgendwie an ihm hängen könnte. Ein paar gute Eigenschaften hätten hier nicht geschadet, um ihre Gefühle, ihr Verhalten und ihren inneren Konflikt glaubwürdiger zu gestalten und um vielleicht auch den späteren Schockeffekt zu vergrößern. So kam alles nicht sonderlich überraschend.

Besonders genervt hat mich Viviens angeblich so gute Freundin Leslie, die durch ständiges Zetern, viele Schimpfwörter und einen ganz außergewöhnlichen Mangel an Feingefühl aufgefallen ist. Ich weiß, sie sollte vor allem Witz in die Handlung bringen – aber das ist nur teilweise geglückt. Alles in allem ist sie ein nicht ganz geglückter Charakter vom Typ „rebellisches, aber treues Großmaul“.

Glücklicherweise hat die Autorin in Bezug auf Liams Geheimnis eine ganz eigene (Parallel-)Welt erfunden, die nicht die gängigen Fantasy-Figuren aufmarschieren lässt, obwohl viele von deren Eigenschaften wieder auftauchen. Aber gerade so eine neue Welt hätte wahrscheinlich doch ein paar mehr Seiten oder Bände erfordert, um sie glaubwürdig erscheinen zu lassen und dem Leser die Chance zu geben, sich richtig einzuleben. Beinahe ging alles etwas zu schnell, gerade zum Ende hin – aber vielleicht lag das teilweise auch am Medienformat, dass ich die Geschichte als Hörbuch gehört, statt sie als Buch gelesen zu haben.

Büchermottes Wertung

Mit „Der Hüter der fünf Leben“ bekommt man eine spannende und romantische Geschichte. Aber uns haben nicht alle Protagonisten überzeugt, weshalb wir nicht ganz so intensiv mit ihnen mitfiebern konnten wie bei manch anderen Büchern. Auch hinsichtlich der Originalität und Stimmigkeit der Geschichte gibt es noch Luft nach oben.

Bewertung: 3 von 5.

Nachts in einer anderen Welt: Die „Bücher der Mitternacht“ von Rose Snow

Ein bisschen ist das ja in Wirklichkeit tatsächlich so: Wir legen uns ins Bett, machen die Augen zu und tauchen ein in eine Traumwelt. Für die Hauptpersonen der Dilogie „12 – Die Bücher der Mitternacht“ des Autoren-Duos Rose Snow ist das auch so, nur extremer. Denn Nacht für Nacht führen sie quasi ein zweites Leben in einer fantastischen Traumwelt.

Rose Snow: Bücher der Mitternacht Bd.1 und Bd.2
Verlag: Ravensburger Verlag
ISBN: 978-3-473-40190-1
Seitenzahl: 447
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Erscheinungstermin: 1. Januar 2020


Worum geht’s?

Harper Bennets Freund liegt nach einem Umfall im Koma und sie fühlt sich schuldig. Im richtigen Leben ist Harper zwar mit der Schule fertig, weiß aber noch nicht so recht, was sie danach machen soll. Deswegen jobbt sie in einer Schuhladenkette, die zum Imperium einer extrem reichen Familie gehört. Gleichzeitig beginnt sie nachts von einer geheimnisvollen, dunklen Stadt zu träumen, vor deren Toren irgendwie altmodisch, aber doch freizügig und verführerisch gekleidete Menschen Schlange stehen, um eingelassen zu werden. Dort und im richtigen Leben taucht plötzlich Cajus Counterville, der Sohn der steinreichen Schuhladen-Dynastie, auf und behauptet, dass er ihr helfen kann, ihren Freund aus dem Koma zu befreien – braucht dazu aber genau genommen ihre Mithilfe. Harper hat eine Menge Vorurteile gegen den arroganten, reichen Cajus und die beiden streiten sich ganz herzallerliebst. Worauf das hinausläuft, ahnt ihr. Was es mit Harpers Freund auf sich hat, möchte ich auch noch nicht verraten.

Spannende Welt, leider einige Klischees

Rose Snow verstehen es, mitreißende Bücher zu schreiben. Einmal angefangen, saugt einen die Story regelrecht ins Buch. Mit Noctaris, der dunklen Traumstadt, haben die beiden Autorinnen eine verruchte, zauberhafte Welt geschaffen, in der alles möglich ist. Die Menschen, die sich hier tummeln, sind angeblich nur die besonders Kreativsten, aber auch hier geht es letztlich zu wie überall auf der Welt – es gibt solche und solche. Mir haben die vielen magischen Details und Facetten gut gefallen und auch die Szenen, in denen Harper in ihrer Gutgläubigkeit in peinliche Situationen geschlittert ist. Auch gab es kaum einen Charakter, der nicht mehrere Seiten hätte – es gibt kein plakatives Gut und Böse, was ich sehr schätze.

er lateinische Schriftzug "nox et amor, vinumque, nihil moderabile suadent" hier im Bild heißt frei überstezt: "Die Nacht, die Liebe und der Wein kennen keine Zurückhaltung" und passt hervorragend zu den Büchern der Mitternacht von Rose Snow (Bild: "Die Nacht", Hans Sebald Beham, 16. Jahrhundert, Rijksmuseum, Public Domain)
Der lateinische Schriftzug „nox et amor, vinumque, nihil moderabile suadent“ hier im Bild heißt frei überstezt: „Die Nacht, die Liebe und der Wein kennen keine Zurückhaltung“ und passt hervorragend zu den Büchern der Mitternacht von Rose Snow (Bild: „Die Nacht“, Hans Sebald Beham, 16. Jahrhundert, Rijksmuseum, Public Domain)

Die besondere Kreativität der Träumenden stellt für mich eine der Problemzonen der Geschichte dar. Harper und Cajus gehören zu den besonders Begabten, Kreativen, sonst könnten sie nachts nicht in die Traumwelt reisen. Also musste ein kreatives Hobby her, das die beiden ungleichen Charaktere verbindet – die Malerei. Allerdings haben Rose Snow es nicht geschafft, mich als Leserin glaubhaft davon zu überzeugen, dass die beiden wirklich so künstlerisch begabt oder auch nur interessiert sind. Harper schon eher, sie verarbeitet ihre Eindrücke gern in rauschhaften Malanfällen. Aber bei Cajus kam das eher aufgesetzt rüber und die Fachsimpelei über berühmte Werke der Kunstgeschichte hat es auch nicht eindrücklicher vermittelt. (Ich zeichne und male übrigens selbst, aber ich bin selten über historische oder moderne Kunst so furchtbar ins Schwärmen gekommen, aber vielleicht bin ich da ja ein Sonderfall.)

Mit Harper selbst konnte ich mich ganz gut identifizieren, bis auf ihr Verhältnis zu ihrem Freund. Da dieser ja von Anfang an im Koma lag, hatte ich als Leser nie eine besondere Verbindung zu ihm und konnte auch Harpers Gefühle für ihn nicht nachvollziehen. Harper selbst ist einerseits zwar nicht auf den Mund gefallen, andererseits durchaus zurückhaltend oder schüchtern. Auf jeden Fall ist sie so unentschlossen, was ihre Lebensplanung und ihr Selbstbewusstsein angeht, dass sie den Anstoß von außen braucht, um auf ihr Herz zu hören. Im Laufe der Geschichte entwickelt sie zum Glück aber auch eigene Handlungskraft und Mut.

Hervorragend fand ich den Charakter von Harpers bestem Freund, der mit seinem Selbstbewusstsein, seiner Imperfektion und seinem Witz wirklich erfrischend und untypisch daher kam.

Umso klischeehafter ist die Figur Cajus Conterville geraten. Klar, wir alle lieben die dunklen, geheimnisvollen Typen in diesen Geschichten. Aber muss er dann auch noch überirdisch gut aussehen und exorbitant reich sein? Ich meine, wir beschweren uns immer, dass Frauen auch anno 2020 noch mehrheitlich auf Männer stehen, die erfolgreicher sind, als sie selbst und das quasi alle Beteiligten extrem unter Druck setzt. Vielleicht müssen mal andere Vorbilder her! Die Geschichte hätte auch ohne den Reichtum und Erfolg funktioniert.

Einen Ausflug in die Traumwelt wert

Alles in allem lebt die Geschichte glücklicherweise auch nicht nur von der sich anbahnenden Lovestory, sondern dreht sich tatsächlich um die actiongeladenen Geschehnisse in der Traumwelt. Wer also eine mitreißende Lektüre sucht, kann hier nichts falsch machen. Punktabzug gebe ich für die verwendeten Klischees.

Bewertung: 4 von 5.

Polarlichter in Island - Image by darrenquigley32 from Pixabay

Island-Romantik mit Elfen: Jugend-Romantasy „Faye“ von Katharina Herzog

Nachdem die Büchermotte und ich uns zuletzt über Katharina Herzogs „Die Nebel von Skye“ hergemacht hatten, mussten wir auch das Vorgängerbuch „Faye – Herz aus Licht und Lava“ noch mitnehmen. Darin geht die mentale Reise nach Island – ein Land, in dem ich immer noch nicht war, in das ich aber unbedingt einmal reisen möchte. Offensichtlich dürfen bei einer Romantasy in diesem Setting die Elfen und ein düsterer, aber anziehender Typ nicht fehlen.

Loewe Verlag »
24.07.2019
Preis: € 18,95
Seitenzahl: 400
ISBN: 978-3-743-20191-0

Erhältlich als: E-BookHardcover

(Bildquelle: Katharina Herzog)


Worum geht’s?

Die 17-jährige Faye aus München kann gut mit Pflanzen und will mal Biologie studieren. Wir steigen in die Story ein, als sie als Teil einer grünen Protestgruppe und um einem zwielichtigen Typen zu imponieren Hanfpflanzen vor die Polizeiwache pflanzt. Sie lebt allein mit ihrer Mutter und hat ihren Vater nie kennengelernt. Weil sie durch ihre Protestgruppe mit der Polizei angeeckt ist, zwingt ihre Mutter sie, in den Herbstferien mit ihr nach Island zu fahren. Dort soll die Mutter als Architektin den Baubeginn eines Hotels begleiten. Allerdings soll für das Hotel ein uralter Holunderbusch gefällt werden, der das Tor zur Elfenwelt darstellt. Schnell schlägt sich Faye auf die Seite der Gegner des Baus und lernt nach und nach die nordische Mythologie kennen und allerhand magische Gestalten. Und natürlich ist nicht sicher, ob der gutaussehende, aber düstere und irgendwie auch deprimierte Aron auf ihrer Seite steht oder nicht.

Ganz schön viel Mythologie, durchschaubare Handlung

Katharina Herzog beschreibt Island und seine sehenswerte Landschaft wirklich schön und auch sehr humorvoll. Einige Sprachbilder haben uns beide zum Lachen gebracht durch ihren Witz und ihre Ungewöhnlichkeit.

Es gibt in „Faye“ ein paar sehr erfrischende, untypische Charaktere, wie beispielsweise die Gastgeberin der kleinen Pension, in der Faye und ihre Mutter wohnen, und der Postbote Hakon. Auch in die Hauptperson Faye konnte ich mich prima hineindenken. Ich mochte es, dass sie so gut mit Pflanzen umgehen kann und genau weiß, was ihr liegt und was sie im Leben machen will. Allerdings hätte dieses Pflanzenwissen durchaus noch eine entscheidendere Rolle in der Geschichte einnehmen können, statt nur Fayes Charakter zu formen. Außerdem ist Faye manchmal etwas schwer von Begriff. Da hat man als (erwachsene) Leserin bereits verstanden, was Sache ist und worauf die Geschichte hinauslaufen wird, während Faye sich noch eine realitätsnahe Erklärung einredet.

Warum es in der Geschichte neben Elfen auch Riesen brauchte, verstehe ich nicht. Das ist zwar lustig, für die eigentliche Handlung aber redundant. Auch Thors Hammer, wo doch die nordischen Götter sonst keine Rolle spielen, musste nicht unbedingt sein. Auch manche „Superkräfte“, die Faye plötzlich besitzt, tragen gar nicht zum Gelingen der Handlung bei und hätten nicht sein müssen.

Negativ aufgefallen ist mir, dass mehrere Charaktere rauchen und dadurch ausgerechnet noch besonders chillig und cool rüberkommen sollen. Das gehört meiner Meinung nach nicht in ein Jugendbuch, auch wenn dem Rauchen sicher immer noch etwas Verwegenes anhaftet, könnte man als Autorin Verantwortung übernehmen.

Viele Orte, die im Roman vorkommen, gibt es wirklich - zum Beispiel das Flugzeugwrack am schwarzen Strand. (Image by Pexels from Pixabay)
Viele Orte, die im Roman vorkommen, gibt es wirklich – zum Beispiel das Flugzeugwrack am schwarzen Strand. (Image by Pexels from Pixabay)

Die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Faye und Aron konnte mich nicht überzeugen. An sich kann ich mich durchaus in Aron einleben. Vielleicht liegt meine Skepsis daran, dass ich in letzter Zeit einfach zu viel über düstere, aggressive und von Selbsthass zerfressene Jungs gelesen habe, die leider nichts für ihre traurige Vergangenheit können. Und deren Leben sich dann durch die unsterbliche Liebe zur Hauptperson radikal ändert. Das ist ohne Frage romantisch. Aber es vermittelt auch den Eindruck, dass man seelische Probleme durch andere Menschen einfach abschütteln kann. In der Realität geht das langfristig nicht gut und man sollte auch umgekehrt nicht glauben, seinen Partner therapieren zu können.

Büchermottes Wertung

Meine 9-jährige Büchermotte, der ich mal wieder vorgelesen habe, vergibt 3 von 5 Sternen. Abzüge gibt es für Aron, der ihr wegen seiner Aggression und seiner Nikotinsucht unsympathisch war. Außerdem gab es auch hier wieder die klischeehafte Motorrad-Szene. Im Gegensatz zu mir, hat sie die Handlung übrigens nicht bereits vorhergesehen – von daher ist die Spannungskurve für jüngere Leser trotzdem gut. Das Buch ist unterhaltsam und flüssig geschrieben und wir hatten viel Spaß beim gemeinsamen Lesen. Und an der Sache mit den Klischees und der Vorhersehbarkeit hat Katharina Herzog in ihrem nächsten Roman „Die Nebel von Skye“ tatsächlich erfolgreich gearbeitet.

Bewertung: 3 von 5.

Zukunftsszenario oder Verschwörungstheorie: „Eden Academy“ von Lauren Miller

Das Buch „Eden Academy“ (im Original „Free to Fall“) von Lauren Miller hat mich mit seiner Grundidee begeistert: Erschienen 2014, zeichnet es ein Szenario um das Jahr 2030 herum. Die Welt ähnelt unserer heutigen, aber die digitale Technik hat sich mit gleichbleibender Geschwindigkeit weiterentwickelt. Die heute großen Tech-Konzerne sind von einer einzigen, alles beherrschenden Firma verdrängt worden, die den Menschen ein begehrtes Smartphone buchstäblich an die Hand gibt, das deren Alltag zum Besseren lenkt. Mit seiner Entscheidungs-App Lux hilft es bei der Wahl des Essens, des Partners, der Ausbildung und macht so das Leben einfacher, besser und glücklicher – oder?

Deutsches Buchcover von „Eden Academy“, erschienen im Ravensburger Verlag

Bis die Hauptperson Rory an die begehrte Elite-Universität Eden Academy kommt, folgt sie diesen neusten digitalen Gadgets wie die meisten anderen blind. In der neuen Stadt lernt sie den Punk North kennen, der sich obwohl oder weil er sich damit auskennt, nicht von der Technik lenken lassen will. Nach und nach kommt Rory einer riesigen Verschwörung auf die Spur, was sie in Lebensgefahr bringt. „Eden Academy“ ist eine Art Tech Thriller, garniert mit einer Liebesgeschichte.

Kann man trotz Technik selber denken?

Die Autorin wirft spannende Fragen auf: Wie viel sollte ein Konzern bestimmen dürfen? Hören wir auf selbst zu denken und auf unsere innere Stimme zu vertrauen, wenn wir auf Technik vertrauen? Können wir von Technik manipuliert werden?

Manchmal hatte ich Sorge, dass die christliche Symbolik im Buch überhand nehmen würde, dass die weitläufiger interpretierbare „innere Stimme“ komplett durch Gott ersetzt werden würde. Aber die Autorin hat es gerade noch geschafft, diese Frage dem Leser zur eigenen Interpretation offen zu lassen. Auch die Balance zwischen Technikbegeisterung und Technikfeindlichkeit gelingt ihr nur haarscharf. Weder das blinde Vertrauen noch der wahnhafte Verschwörungsglaube sind meiner Meinung nach angebracht. Denn wenn wir ehrlich sind, ist ein Zurück zum Papiergeld und zur Schreibmaschine auch nicht die Lösung. Doch das Buch regt zum Selberdenken, Reflektieren und zu einem gesunden Misstrauen an, was ich allen, die sich tagtäglich mit Smartphones, Computern, Social Media Netzwerken und Medien aller Art umgeben nur wünschen kann.

Das Buch „Eden Academy“ richtet sich an junge Erwachsene ab 12 Jahre, ist aber auch für Ältere spannend zu lesen.

So klingt der offizielle englische Trailer zum Buch:

MANN ist auch „nur“ ein Mensch

Der Paar- und Sexualtherapeut Eilert Bartels hat 2019 das Buch „huMANNoid | Männer sind Menschen“ veröffentlicht, das mich sehr bewegt hat. Auffällig, dass man den Zusammenhang Mann = Mensch und Frau = Mensch anno 2020 noch betonen muss, nicht wahr? Aber ganz offensichtlich bleibt es notwendig. – Eine Buchvorstellung*.

Das Buch ist eine Interviewsammlung der besonderen Art. Insgesamt standen für das Projekt 16 Männer zwischen 26 und 75 Jahren nackt vor der Kamera und haben im Interview persönlichste Fragen beantwortet.

Buchseite aus „huMANNoid“ von Eilert Bartels

Die Fotos selbst sind schon einmal insofern ungewöhnlich, dass die Fotografierten keine Models sind und die Bilder nicht bearbeitet. (Wer die Fotos genauer ansehen möchte, kann hier eine Galerie sehen.) An solche Bilder sind die meisten von uns nicht gewöhnt, weder bei Frauen- noch bei Männerkörpern – es sei denn, man geht hin und wieder in die Sauna oder zum Nacktbaden. Und obwohl ich eher zur letzteren Gruppe gehöre, musste ich mich erst einmal langsam an die vollflächig bedruckten Buchseiten mit den unbekannten Männern herantasten. Bezeichnenderweise habe ich sie zunächst abgedeckt und erst einmal gelesen. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr entstand bei mir das Gefühl, die Person auf den Bildern kennenzulernen. Und ab einem bestimmten Punkt, fiel es mir dann auch nicht mehr schwer, mich auf die Bilder einzulassen und sie genauer zu betrachten.

„Plötzlich soll ich meinen Körper oder den Körper anderer Männer schön finden?“

– Zitat aus einem Interview in huMANNoid

In den Interviews ging es konsequent nicht um Job, Familienstand, Rollen und gesellschaftlichen Status aller Art. Vielmehr standen immer die gleichen psychologischen Fragen im Mittelpunkt: Was bereitet dir Freude, Trauer, Wut, Angst, Ekel, Lust? Letztere, die männliche Lust, auch zwischen Täter- und Opferrolle, spielte eine besondere Rolle. Das geht vermutlich auf die Prosession des Autors und auf einen der Anlässe zum Projekt zurück: die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015/16, die Männer (nicht zum ersten Mal) pauschal in eine Täterrolle drängten. In „huMANNoid“ wird auf beides eingegangen, indem Eilert Bartels seine Gesprächspartner zunächst fragt, ob sie selbst schon einmal psychische oder physische Gewalt erfahren haben. In diesem Moment beginnt man sich gemeinsam mit dem Interviewten mit der Materie zu beschäftigen und bemerkt, wie fließend hier die Grenzen sind zwischen dem, was als noch „normal“ und was bereits als übergriffig wahrgenommen wird. Durch diese Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen, fällt es dann leichter, im Interview auch darüber zu reflektieren, ob man selbst schon einmal übergriffig geworden ist. Ich persönlich habe mir mit jedem gelesenen Interview die Fragen auch selbst gestellt und kann es sehr empfehlen, sie einfach einmal an sich heran zu lassen.

Mich persönlich ärgert Ungerechtigkeit aller Art, die gegen Frauen, die gegen Männer, gegen Menschengruppen eben. Das fängt bei platten Witzen an, geht vorbei an groben Pauschalisierungen und hört bei spürbaren Benachteiligungen auf.

Inzwischen hat die Forschung meines Wissens gezeigt, dass es nicht das „typisch“ Weibliche bzw. Männliche gibt, sondern dass das Spektrum innerhalb der Geschlechter größer ist als zwischen den Geschlechtern. Es gibt also sowohl Frauen und Männer mit überwiegend männlich konnotierten Eigenschaften und Frauen und Männer mit überwiegend weiblich besetzten Charakterzügen. Das ist menschlich und vieles, was wir für „typisch das eine“ oder „typisch das andere“ ist von klein auf so erlernt.

Buchseite aus „huMANNoid“ von Eilert Bartels

Auch dieser Einfluss von Erziehung und Erfahrungen spielte in den Interviews eine große Rolle. Mit jedem Interview kamen auch neue Aspekte und Eindrücke hinzu. In Anbetracht von manchen Erlebnissen, die da geschildert wurden, begann ich mich immer dankbarer für mein eigenes Elternhaus und soziales Umfeld zu fühlen. Letztlich werden wir Menschen schließlich jahrelang durch unsere Umgebung geformt. Glücklicherweise verzichtete das Buch darauf, Männer pauschal in eine Opferrolle zu stellen, sondern verlangt dem Leser einfach einen genaueren, unvoreingenommenen Blick auf Menschen ab.

Obwohl das Spektrum der Interviewten sehr breit war, hatte ich trotzdem nicht das Gefühl, dass es ausgewogen war. Das liegt daran, dass alle Interviewten ja völlig freiwillig an dem Projekt teilgenommen haben, was wiederum jemanden leichter fällt, der bereits gründlich über seine Identität nachgedacht hat. Zumindest kam es mir so vor, als hätten überdurchschnittlich viele der vorgestellten Männer schon einmal in Männergruppen über ihr Mannsein nachgedacht oder waren in der Tandra-Szene aktiv. Gerne hätte ich den Männern (und Frauen) in meiner Umgebung genau die gleichen Fragen gestellt, um die Erfahrungen weiter einzuordnen. Bei dem Versuch bin ich allerdings vorerst abgeblitzt – und ich fürchte, dass viele nicht bereit sein würden, so viel von sich Preis zu geben und sich so intensiv mit sich selbst zu beschäftigten wie die von Bartels Interviewten. Für so viel Mut gebührt ihnen Anerkennung.

Trotzdem ist es mir nicht immer leicht gefallen, mich auf die interviewten Männer einzulassen. Natürlich bildet man sich ganz automatisch vorschnell eine Meinung zu einer Person. Manche Ansichten und Empfindungen konnte ich auch schlicht nicht teilen. Das Lesen eines Interviews hat mich dann dem Interviewten näher gebracht, ich hab ihn neu gesehen und zumindest verstehen gelernt – als Mensch gesehen. Eilert Bartels Buch lehrt uns, auch im Alltag genauer hinzuschauen, nachzufragen, den Menschen hinter der gesellschaftlichen Fassade zu sehen – kurz gesagt, mehr Empathie zu zeigen.

Perfekt wäre das Buch für mich gewesen, wenn es Menschen beiderlei Geschlechts vorgestellt hätte. Dann wäre überdeutlich geworden, wie ähnlich wir uns alle sind in unserem Denken, unseren Ängsten, Freuden und unseren Erfahrungen.

Eilert Bartels
huMANNoid – Männer sind Menschen
2018
336 Seiten
ISBN-13: 978-3943622386

*Für die Rezension wurde mir ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.