Image by Comfreak from Pixabay

Fantastische Häuser – 3 Fragen an Elisabeth Dommer

Mit diesem Post möchte ich eine neue Blog-Reihe „3 Fragen an“ starten, um Autorinnen und Autoren damit ein Podium bieten, über ihre Arbeit und ihre Bücher zu erzählen.

In der ersten Folge spricht die Schriftstellerin Elisabeth Dommer über fantastische Häuser, die als Motiv immer wieder in ihren Geschichten auftauchen. Ein herzliches Dankeschön an Elisabeth, dass sie sich die Zeit genommen hat!

Frage 1: Eines meiner Lieblingsbücher von dir ist „Sonnenwindhaus“. Das Haus mit dem klangvollen Namen ist fantastisch und geheimnisvoll – und ermöglicht es der Hauptperson, Augenblicke aus einer anderen Zeit zu erleben. Was hat dich dazu inspiriert?

Wie es mir oft geschieht: Ich sehe etwas, was mich anspricht – eine glasklare Spieglung im Wasser,  eine sonderbare Lichtstimmung. Oder eben ein Haus wie jenes eine in Buckow in der Märkischen Schweiz. Vor vielen Jahren war ich dort im Urlaub, und da sah ich es an einer ruhigen Straße am See. Es hatte ein großes Jugendstilfenster, und ich begann damit bereits zu phantasieren. Das Motiv gab allerdings noch nicht viel her; das im Buch beschriebene Glasbild fand ich erst viel später im Internet. Das hatte diese „Toröffnung“ in sich, und da ging es bei mir richtig los. (Mehr dazu unten)

Frage 2: Auch in deiner Geschichte „Der Mond, der Schnee, der Name“, die in dem Geschichten-Band „Der unheimliche Zauber der Sterne“ erschienen ist, gibt es so ein Haus, in dem verschiedene Zeiten wie Schichten übereinander zu liegen scheinen. Gibt es ein reales Vorbild für dieses Haus?

Ja und nein. Dieses Haus sah ich auf einem Wintergemälde, allerdings umgeben von vergnügten Leuten. In meiner Geschichte befindet es sich hingegen in merkwürdigen Zwischenphasen von belebt und unbelebt. Da wirkt eine andere Idee mit. Ich saß in einem Kirchenkonzert und dachte plötzlich: Wenn man das Konzert nun von draußen hört, auch die erleuchteten Fenster sieht, doch sobald man die Tür öffnet, um teilzuhaben, ist drinnen alles leer und finster? Wie wäre das? Und was wäre da? Tja, so funktioniert das bei mir.

Frage 3: Was fasziniert dich mehr an diesem Motiv – das Haus als die Kulisse für so viele verschiedene menschliche Schicksale oder die vergehende Zeit, die dieses relativ konstante und langlebige Gebäude uns vor Augen führt?

Das ist deine schwierigste Frage. Im Grunde trifft beides zu, aber die Hauptfaszination scheint mir woanders zu liegen. In „Der Mond, der Schnee, der Name“ ist das Haus der Treffpunkt zweier Menschen, die verschiedenen Seins-Ebenen entstammen – und das ist es, was mich interessiert. Und das „Sonnenwindhaus“ mit seinem Zeitphänomen bietet der jungen Frau Annelie die Möglichkeit, den vor Jahren verschwundenen Tristan Röver, einen Mann mittleren Alters, den sie als Kind liebte wie einen Vater, nun als jungen Mann kennenzulernen – und ihn recht anders zu finden, bis hin zur Frage: Ist das tatsächlich er? Wobei natürlich ein Stück Zeitgeschichte mitspielt. Eben das wollte ich gestalten. Eine zentrale Frage der Literatur ist doch immer: Was wäre, wenn …? Ja, was wäre, wenn wir zum Beispiel den geliebten alten Vater, Großvater, Freund, Ehemann wirklich als Junge oder jungen Mann erleben könnten, statt nur Fotos zu sehen und etwas erzählt zu bekommen? Also, ich fände das höchst aufregend! Und wem das zu phantastisch ist – viele Geschichten erzählen nun mal, was im „wahren“ Leben nicht stattfinden kann, und das macht einen Teil ihres Reizes aus. Wenn man sich auf die Gedanken und Emotionen einlässt, kann dies das eigene Leben genauso bereichern und erweitern wie das sogenannte normale Leben. Mir geht es jedenfalls so. Und darum schreibe ich weiter und weiter …


Ich danke dir für diese philosophischen Gedanken, die mir aus der Seele sprechen. Wenn ich es mir recht überlege, bildet die Frage „Was wäre wenn?“ auch den Ausgangspunkt für mein aktuelles Schreibprojekt.

Hier die beiden angesprochenen Bücher im Überblick:

Elisabeth Dommer
Sonnenwindhaus

Shaker Media, Aachen 2016
Titelillustration: Elisabeth Dommer
235 Seiten,
Preis: 14,90 €,
ISBN: 978-3-95631-447-6

Erhältlich: über Buchhandel und direkt über www.shaker-media.de

Elisabeth Dommer
Der unheimliche Zauber der Sterne
Erzählungen

Shaker Media Aachen 2018
ISBN: 978-3-95631-705-7
241 Seiten, Broschur,
Preis 14,90 €

Erhältlich: über Buchhandel und direkt über www.shaker-media.de

Hier geht es zur Website von Elisabeth Dommer

Zwischen Wunder und Wirklichkeit

Viele Bücher lassen sich Genres eindeutig zuordnen: bodenständiger realitätsnaher Roman oder Fantasy, Sachbuch oder Kinderbuch, Krimi oder historischer Roman? Das sind die Genres, die beispielsweise die Literatur-Community Lovely Books ihren Mitgliedern anbietet. Aber manche Bücher bewegen sich irgendwo dazwischen und das macht es den Autoren, den Lesern und den Portalen/Verlagen manchmal nicht leicht.

Aber gerade solche Geschichten beschäftigen mich besonders – als Leser und als jemand, der gerne schreibt.

Howard Pyle: The Princess Dwells in the Oak Tree Where ye Wild Pigeons Come to Feed Her, for „The Wonder Clock, 1887, The Metropolitan Museum Purchase, Rogers Fund, 1926; transfered to the Print Department, 1967, CC0

Natürlich haben auch „normale“ Romane mit verlässlichem realistischen oder auch historischem Setting ihren Reiz und auch die lese ich gerne, wenn mich die Geschichte anspricht. Auch Fantasy-Romane, die ja meist eine ganz eigene Welt mit fabelhaften Gestalten erschaffen, habe ich schon gelesen und sogar geschrieben (aber nicht veröffentlicht). Was mich aber besonders reizt, ist, wenn die fantastische Welt in die gewöhnliche hineinsickert, wenn plötzlich der alltägliche Trott gebrochen wird durch Geschehnisse, die nicht sein können. Dann kann man die Frage stellen: Was wäre wenn?

Wenn Geschichten nicht ins Genre passen

Auch das Genre Science Fiction gefällt mir, weil es auslotet, was in Zukunft mit Hilfe der Entwicklungen moderner Technik und Wissenschaft vielleicht einmal sein könnte – oder auch nicht. Aber wohin mit den Geschichten, die nur teilweise fantastische Elemente enthalten? Zeitreise-Geschichten zum Beispiel, die ansonsten relativ realitätsnah bleiben. Meines Erachtens werden solche Bücher oft mangels Schublade nicht gefunden oder von Leuten gefunden, die gar keine fantastischen Elemente in ihrem Lesestoff haben wollten. Oder kennt jemand einen passenden Suchbegriff dafür?

Eine Meisterin solcher Geschichten ist übrigens die Thüringer Autorin Elisabeth Dommer. In diesem Jahr hat sie einen neuen Band mit wundersamen Erzählungen herausgebracht, der die eigene Wahrnehmung manchmal in Frage stellt und eben diese Grenzen zwischen Realität und Fantasie auslotet. „Der unheimliche Zauber der Sterne“ heißt das Buch, das elf mal kürzere, mal längere Geschichten beinhaltet, von denen die meisten fantastische Elemente besitzen.

Bücher im falschen Regal

Bei einer Lesung mit Elisabeth Dommer konnte ich aber an den Reaktionen des Publikums sehen, dass nicht alle Leute solche fantastischen Elemente in Geschichten akzeptieren wollen. Manchen gefällt es einfach nicht, sie wollen gern, dass die Dinge auf festem Boden stehen und so auch in Wirklichkeit passiert sein könnten. Wenn sie durch Zufall – zum Beispiel durch eine falsche Genre-Einordnung – an so ein Buch geraten, sind sie womöglich frustriert und geben dem Buch eine schlechte Kritik. Dann haben weder Leser noch Autor etwas davon.

Was sind eure Erfahrungen? Findet ihr in den gängigen Genre-Aufteilungen immer zielstrebig, wonach ihr sucht? Oder wählt ihr eure Lektüre ohnehin lieber an Hand der Buchcover oder auf Grund von Empfehlungen aus?