Stell dir vor, du erkennst deine besten Freunde nicht! & Stell dir vor, du bist dreimal so breit wie alle anderen!

Ich bin bei Sophia von WordWorld auf das Buch „Stell dir vor, dass ich dich liebe“ von Jennifer Niven gestoßen – und ohne diese Rezension hätte ich es nie gekauft. Warum? Wegen des Covers. Ich hätte bei all dem PINK und dem kitschigen Titel nicht mal den Klappentext gelesen! Das Cover der amerikanischen Originalausgabe ist interessanterweise mit hellblauen Punkten versehen und der Titel heißt „Holding up to universe“ – es suggeriert ein völlig anderes Buch (ich füge das Cover weiter unten im Text ein). Warum das Buch aber absolut lesenswert ist und 5 Sterne verdient, schreib ich in diesem Blogpost.

Cover Jennifer Niven: Stell dir vor, dass ich dich liebe

Jennifer Niven

Stell dir vor, dass ich dich liebe

Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch

Erscheinungstermin: 28.11.2018

464 Seiten

ISBN: 978-3-7335-0369-7

Übersetzt von: Maren Illinger

Quelle Bild: S. Fischer Verlage


Worum geht’s?

Die Geschichte wird abwechselnd erzählt aus der Sicht von Libby, einst das fetteste Mädchen Amerikas, und von Jack, Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters, gutaussehend und beliebt, aber mit einem geheimen Handicap: Er ist gesichtsblind und kann sich einfach nicht merken, wie seine Familie und Freunde aussehen. Beide schildern das Geschehen sehr witzig und authentisch in der Ich-Form, so als berichteten sie dem Leser alles gerade brandheiß am Telefon. Es geht um Mobbing, um Trauer, um Essstörungen und nicht zuletzt um Prosogagnosie – Gesichtsblindheit. Alles Gründe, die dazu führen können, dass man sich nicht zugehörig fühlt. Trotz der schweren Themen schafft es Jennifer Niven, die Begegnung der beiden ungleichen und doch ähnlichen Hauptpersonen humorvoll, spannend und einfühlsam zu schildern.

Original-Cover von Jennifer Nivens Buch "Holding up the universe" (Quelle: Penguin)
Original-Cover von Jennifer Nivens Buch „Holding up the universe“ (Quelle: Penguin)

Libby kommt nach fünf Jahren Homeschooling, nach Trauma, Depression und harten Diäten, in die 11. Klasse der Highschool. Während sie nach dem Tod ihrer Mutter so dick geworden ist, dass sie zuletzt von der Feuerwehr aus dem Haus gesägt werden musste, ist für ihre Mitschüler das Leben ganz normal weitergegangen. Und obwohl sie 140 Kilo abgenommen hat, ist sie immer noch das dickste Mädchen an der Schule – und wird zur Zielscheibe in einem dummen Spiel, auf das Jacks Freunde gekommen sind. Die sind vielleicht nicht die besten Freunde, aber beide so auffällig, dass selbst Jack sie in der Menschenmenge erkennt. Denn für Jack fühlt sich der Alltag so an, als sei er immer von Fremden umgeben, die er aber kennen müsste. An einer Stelle sagt er sinngemäß: Es fühlt sich an, als sei er auf einem Maskenball der einzige ohne Kostüm, aber alle erwarten von ihm, dass er jeden erkennt. Jack und Libby begegnen sich durch diesen missglückten Scherz – und trotz des denkbar schlechten Starts beginnen sie einander zu mögen.

Cover "Stell dir vor, dass ich dich lieb" auf dem E-Book-Reader
Auf dem E-Book-Reader ist das Cover auch erträglich, aber ich weiß trotzdem nicht, was es mit der Story zu tun hat.

Das Buch erzählt ihre Sicht auf die jeweiligen Geschehnisse in ultrakurzen Kapiteln, aktuellen Schilderungen, vermischt mit vielen Rückblenden, gewürzt mit witzigen Listen und Lebensweisheiten. Beide Charaktere sind, gerade weil sie nicht perfekt sind, total liebenswürdig. Libby ist unglaublich mutig, Jack muss erst lernen, sich mit seinem Handicap abzufinden. – Übrigens kann ich nach der Lektüre jetzt „Prosopagnosie“ auswendig schreiben, problemlos aussprechen und weiß, dass jeder 40. Mensch statistisch davon betroffen ist. Dank Jennifer Niven kann ich mir auch sehr bildhaft vorstellen, wie sich das anfühlen muss.

Auf alle möglichen Arten: divers

Ich hab mich wahnsinnig gefreut, endlich auf zwei Hauptpersonen zu treffen, die nicht in die klischeehaften, gängigen Schubladen passen. Wie viele Bücher habt ihr gelesen, deren Hauptperson übergewichtig war? Also nicht nur pseudo-dick oder ein wenig pummelig, sondern schwer übergewichtig? Mir fällt gerade kein anderes ein. In welchem Buch spielen „people of color“ so selbstverständlich ganz normale Rollen, gute wie schlechte? Vielleicht lese ich auch zu selten amerikanische Literatur, in Europa ist das jedenfalls immer noch eine Rarität. Ich hab die Geschichte an einem Tag verschlungen – und von mir gibt es fünf Sterne.

Bewertung: 5 von 5.
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Wann ist ein Roman ein Jugendbuch?

Im letzten Jahr habe ich einige Romane gelesen, die als Jugendbuch eingestuft bzw. mit der Angabe „ab 12“, „ab 14“ oder „ab 16 Jahren“ versehen waren – darunter diesen ab 12, diesen ab 14 und diesen ab 16. Viele dieser Bücher davon fand ich sehr spannend, manche vom Thema, Stil und dem Handlungsaufbau durchaus anspruchsvoll, bei anderen war die Story vorhersehbarer und der Stil einfacher gestrickt. Aber immer wieder drängte sich mir die Frage auf: Was macht einen Roman eigentlich zum Jugendbuch und wann sagt man, es sei ein Buch für Erwachsene? Kann man das überhaupt so genau unterscheiden? Und ist ein Roman durch das Attribut „Jugendbuch“ künstlerisch weniger wertvoll?

Bist du „raus aus dem Alter“?

Mir ist klar, dass reine Kinderbücher für Erwachsene oft zu in zu einfacher Sprache geschrieben sind und vielleicht auch Themen behandeln, die Erwachsene nicht mehr interessieren. Aber bei Jugendbüchern ist die Grenze nicht so deutlich zu ziehen. Ist ein Roman, der sich mit den Sorgen und Problemen von Teenagern und jungen Erwachsenen beschäftigt, in dem es zum Beispiel um Freundschaften, Selbstfindung und erste Liebe geht, für Ältere automatisch nicht mehr interessant? Mögen Erwachsene Bücher mit jungen Protagonisten automatisch nicht mehr lesen? Oder liegt es am Setting, das sich mit Schule und Elternhaus an der jugendlichen Realität orientiert? Vielleicht habe ich mich ja seitdem mental nicht weiterentwickelt, denn mich haben junge Romanfiguren noch nie gestört, wogegen mich sehr viel ältere Hauptpersonen viel eher irritiert haben.

Bist du „ab 12“, „ab 14“ oder eher „ab 16“?

Auf Wikipedia steht, dass die Altersangabe bei Literatur in Deutschland (im Gegensatz zu anderen Ländern) freiwillig ist. Aber sicherlich spielen bei den Angaben Aspekte des Jugendschutzes (z.B. in Bezug auf Gewalt und Sex) eine Rolle. Lustigerweise kann man durch die Altersangabe zum Beispiel erraten, ob das Liebespaar im Roman sich maximal küsst oder ob und in welcher Ausführlichkeit mehr passiert. Dass die „Heartless“-Trilogie von Sara Wolf ab 16 eingestuft ist, liegt vermutlich daran, dass hier anschaulich gestorben wird. Diese Alterskennzeichnung schließt aber eine ältere Zielgruppe nicht aus, sondern lediglich eine jüngere mit ein. Im erwähnten Wikipedia-Artikel steht übrigens auch: „Daher wird angenommen, dass diese Literatur verstärkt von Erwachsenen gelesen werde (z. B. Harry Potter oder Fantasy-Romane) und sich nur scheinbar an Jugendliche richte.“

Image by Marco Wolff from Pixabay
Image by Marco Wolff from Pixabay 

Kann das denn gut sein?

Manchmal haftet Kinder- und Jugendliteratur offenbar der Makel an, keine „richtige“ Literatur zu sein. Zum Beispiel forderte Manuela Schleswig 2015, zu diesem Zeitpunkt noch Bundesfamilienministerin, mehr Anerkennung für Jugendliteratur in diesem Land. Auch in dem Fachbuch „Aspekte der Kinder- und Jugendliteratur“ klagen die Autorinnen Bettina Bannasch und Eva Matthes offenbar über zu wenig Wertschätzung für dieses Buchgenre: „Der Trivialitätsverdacht behauptet sich hartnäckig … Vielleicht am verhängnisvollsten in dem Bemühen um Anerkennung von Kinder- und Jugendliteratur in der ‚seriösen‘ Literaturwissenschaft erweist sich ihre Beziehung zur Pädagogik. Ästhetik und Erziehung scheinen einander unversöhnlich gegenüberzustehen.“ (Hinweis: Ich habe das Buch nicht selbst gelesen, nur diese ausführliche Rezension!).

Persönlich glaube ich nicht, dass Kinder- und Jugendbücher die einzigen sind, die um literarische Anerkennung kämpfen müssen. Denn auch Unterhaltungsliteratur aller Art geht es schließlich im Vergleich zur sogenannten „Hochliteratur“ genauso. Ich finde die Begrifflichkeit fragwürdig – sollte nicht alle Literatur den Leser unterhalten? Und da halte ich es mit der „Schreibtrainerin“ Dr. Anette Huesmann, die dazu schreibt: Alle Bücher haben ihre Daseinsberechtigung. Die oft ideologisch geführte Diskussion um den Wert von Büchern scheint mir vollkommen am eigentlichen Sinn von Büchern vorbeizugehen.“ Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Hast du noch Fantasie?

Merkwürdig finde ich, dass manche Artikel (wie der oben zitierte Wikipedia-Text) Fantasy-Literatur in einem Atemzug mit Jugendliteratur nennen. Als ob erwachsene Hirne keine erfundenen Welten mehr verarbeiten könnten und sich Fantasy-Literatur deshalb ganz automatisch an Kinder und Jugendliche richtet. Dabei geht es in den meisten Büchern um ganz universelle Dinge: Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Betrug, Krieg und Frieden, Bedrohungen und Krisen – Sachen, die uns alle angehen und beschäftigen, egal in welchem Alter und Setting. Das hat nichts mit Wirklichkeitsflucht zu tun. Aber natürlich gibt es Fantasy für Kinder, für Jugendliche, für Erwachsene. Die Grenzen sind fließend.

Vielleicht spielt die Bezeichnung gar keine Rolle. Die meisten Bücher sind auch für Erwachsene geeignet, aber nicht alle auch für Jugendliche. Was sagst du? Und hast du auch schon mal aus Versehen ein Jugendbuch gelesen?

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Die Antwort auf alle Fragen liegt in der Bonbondose: Die Zimt-Trilogie von Dagmar Bach

Die „Zimt“-Trilogie von Dagmar Bach habe ich gemeinsam mit der 9-jährigen Büchermotte laut gelesen und nachdem unsere Meinungen diesmal auseinander gingen, habe ich mich entschieden, diesmal alleine der Büchermotte die Bewertung der Geschichte zu überlassen – und sie vergibt volle 5 Sterne!

Zimt und weg

Die vertauschten Welten der Victoria King

Zimt, Band 1

  • Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch
  • Erscheinungstermin: 24.06.2020
  • Lieferstatus: Verfügbar
  • 336 Seiten
  • empfohlenes Alter: ab 12 Jahre
  • ISBN: 978-3-7335-0243-0
  • Autorin: Dagmar Bach

Zimt und zurück

Die vertauschten Welten der Victoria King

Zimt, Band 2

  • Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch
  • Erscheinungstermin: 24.06.2020
  • Lieferstatus: Verfügbar
  • 384 Seiten
  • empfohlenes Alter: ab 12 Jahre
  • ISBN: 978-3-7335-0244-7
  • Autorin: Dagmar Bach

Zimt und ewig

Die vertauschten Welten der Victoria King

Zimt, Band 3

  • Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendbuch
  • Erscheinungstermin: 21.09.2017
  • Lieferstatus: Verfügbar
  • 400 Seiten
  • empfohlenes Alter: ab 12 Jahre
  • ISBN: 978-3-7373-4049-6
  • Autorin: Dagmar Bach

Worum geht’s?

Die Grundidee der „Zimt“-Trilogie ist ein tolles Gedankenspiel: Was wäre wenn ein Detail im Leben anders verlaufen wäre, würde sich dann gleich auch alles andere ändern? Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich an diesem oder jenem Punkt nicht genau diese Entscheidung getroffen hätte? Wäre mein Alltag nun völlig anders, wenn damals nicht zufällig dies und das passiert wäre? Wenn Victoria King Zimtduft in die Nase steigt, passiert meist etwas Außergewöhnliches – sie tauscht den Platz mit ihrem Alter Ego aus einer Parallelwelt, die ihrer eigenen zwar ähnelt, aber nicht völlig gleich ist. Das wirft nicht nur Fragen auf, sondern bringt auch einiges durcheinander.

Liebenswürdig und witzig

Zwei der größten Pluspunkte der „Zimt“-Reihe sind der Sprachwitz und die Situationskomik, mit der Dagmar Bach uns mit in Victoria Kings Leben nimmt. Dabei wird man als Leser in Victorias Freundeskreis aufgenommen – so zumindest fühlt es sich an, wenn sie in der Ich-Form erzählt, fast wie in einem Brief an eine gute Freundin. Diesen Eindruck unterstreichen noch die Checklisten, Nachrichten und Briefchen, die manchmal in den Text eingestreut werden.

In Victorias Umfeld gibt es unglaublich viele Figuren mit liebenswürdigen, schrägen Eigenschaften: Allen voran ihre Mutter, die mit ihrer Dreistigkeit, ihrem England-Tick, ihrer Liebe zu vornehmen Hüten und Tee-Tassen mit witzigen Sprüchen immer wieder für Erheiterung sorgt, ohne dabei an Glaubhaftigkeit zu verlieren. Beim Lesen bekamen wir richtig Lust, uns auch solche Tassen anzuschaffen wie zum Beispiel die mit der Aufschrift „Hat die Blume einen Knick, war der Schmetterling zu dick“. Vickys Tante Polly ist ganz die verschrobene Wissenschaftlerin mit verrückten Einfällen – gegen die Originalität von Vickys Mum aber schon fast ein Klischee.

Vickys Freunde Pauline, Nicolas und Konstantin sind durchweg sympathisch und witzig, ohne nicht jeder eigene Stärken und Schwächen zu haben. Darüber hinaus präsentiert uns Dagmar Bach noch eine ganze Reihe unglaublich nerviger, aber dafür umso witzigerer Charaktere: darunter die chaotischen und vollends abgedrehten Großeltern, den „Bürgermeister“ und den verfressenen Dauer-Gast Röschen mit ihrem gelehrigen Beo.

Im Laufe der drei Bände lernt man die Bewohner der liebenswürdigen Kleinstadt, in der die Geschichte spielt, immer besser kennen. Manche vollziehen dabei auch erstaunliche Entwicklungen. Bis auf die außergewöhnliche Tatsache, dass Vicky in Parallelwelten springt, führt sie das Leben eines ganz normalen Teenagers. Die Probleme mit Freunden und der ersten Liebe beschreibt die Autorin sehr realitätsnah und nachvollziehbar.

Für erwachsene Leser fallen diese Schilderungen des stinknormalen Teenager-Alltags manchmal etwas langatmig aus. Auch der Handlungsverlauf war für mich größtenteils sehr vorhersehbar, was der Geschichte für mich viel Spannung genommen hat. Darüber hinaus gab es zu Beginn jedes neuen Bands sehr umständliche Wiederholungen des vorher Geschehenen – was vielleicht toll ist, wenn viel Zeit vergangen ist seit dem letzten Lesen, aber nicht, wenn man alles in einem Rutsch liest wie wir. Aber die Büchermotte fand das wiederum überhaupt nicht schlimm und wahrscheinlich hat es ihr gerade wegen der ausführlichen Einblicke in den Alltag einer 14-jährigen so gut gefallen.

Büchermottes Wertung

Die Büchermotte (9 Jahre) vergibt 5 Sterne. Bestimmt wird sie auch bald das Sequel „Zimt und verwünscht“ lesen, das die Trilogie fortsetzt.

Bewertung: 5 von 5.
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Ohne Herz, aber nicht herzlos – Die Fantasy-Trilogie „Heartless“

Sara Wolfs Geschichte über das Mädchen Zera, dessen Herz sich im Besitz einer Hexe befindet, und ihr Bemühen, wieder menschlich zu werden, hat mich neulich total in ihren Bann gezogen. Obwohl mich die Grundidee erstmal abgeschreckt hat: Zera soll ihr Herz wiederbekommen, wenn sie den Hexen das Herz eines gut aussehenden Prinzen bringt und wird zu einer Art Bräute-Casting an einen Königshof dieser Fantasy-Welt geschickt. Ehrlich, ich dachte, das kann nur kitschig werden: Hexe, Herz, Prinz – das klingt nach Klischee. Aber Sara Wolf hat mich positiv überrascht.

Ich musste (wie immer) unbedingt alle Bände lesen, was zu einer kleinen Odyssee eskalierte: Band 1 hatte ich mir als Hörbuch-Download gekauft, um nebenher Fotos sortieren zu können (ich hab den MP3-Player dann quasi permanent auf – übler Cliffhanger…). Band 2 gab es leider (noch?) nicht als Hörbuch, also hab ich mir das E-Book gekauft und in den nächsten Tagen verschlungen, nur um dann festzustellen, dass es Band 3 noch nicht auf Deutsch gab, weil er Anfang November 2020 erst auf Englisch erschienen ist. Also hab ich das Original als E-Book gelesen. Übrigens sind die englischen Titel sehr klangvoll und gefallen mir besser als die deutsche Übersetzung, die dem ganzen noch mehr diesen kitschigen Touch verleiht: Bring me their hearts, Find me their bones, Send me their souls. Hier ein Überblick über die Reihenfolge:

Sara Wolf

Heartless, Band 1: Der Kuss der Diebin
Ravensburger Verlag
ISBN: 978-3-473-47935-1

Heartless, Band 2: Das Herz der Verräterin
Ravensburger Verlag
ISBN: 978-3-473-40191-8

Bring Me Their Hearts, #3: Send Me Their Souls (auf Englisch)
Entangled: Teen
ISBN-10 : 1682815072

Empfohlen ab 16 Jahre
Bildquelle: Ravensburger Verlag


Worum geht’s?

Wir befinden uns in einer gut ausgearbeiteten Fantasy-Welt mit Hexen, die „Herzlose“ als Diener oder wahlweise auch als Bodyguards einsetzen. Hauptperson Zera wäre gestorben, wenn „ihre“ Hexe sie nicht zur Herzlosen gemacht hätte. Zu ihrem Unleben gehört einerseits, dass sie nicht sterben kann und dass ihre Wunden durch die Magie der Hexe wieder verheilen, andererseits aber auch, dass sie trotzdem Schmerzen fühlen kann und dass eine Stimme in ihrem Kopf („die Glut“) sie beinahe in den Wahnsinn treibt, wenn sie nicht einmal am Tag rohes Fleisch isst. In dieser Welt stehen sich Menschen und Hexen feindlich gegenüber. Außerdem gibt es noch drei andere Arten von nicht-menschlichen Wesen, die ich sehr originell finde (endlich mal keine Elfen, Drachen und Orks!), die ebenfalls eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen. Dass Zeras Auftrag, dem Prinzen sein Herz im wortwörtlichen Sinne zu stehlen, zu emotionalen Konflikten führt, ist vorprogrammiert. Denn dass Zera eine „Herzlose“ ist, bedeutet nicht, dass sie kein Gewissen hat oder sich nicht verlieben kann. Diese Gefühle begleiten sie durch alle drei Bände, ohne dass sie Selbstzweck der Story sind. Im Zentrum der actionreichen Geschichte stehen Zeras persönlicher Kampf und ihre Entwicklung und wie sie nebenbei versucht, die Welt zu retten. Es geht, kurz gesagt, um Selbstermächtigung, Freundschaft und Gerechtigkeit.

Sprachlich elegant, divers, originell

Sara Wolf kleidet ihre Geschichte in elegante und ungewöhnliche Sprachbilder, die mir wunderbar gefallen haben. Absolut positiv überrascht haben mich aber die vielen starken Charaktere, die sie geschaffen hat. Bestimmt kennt ihr alle die Figur „geheimnisvoller, gutaussehender Typ mit dunklem Geheimnis“, in den sich die Hauptperson eines Romans garantiert verliebt. Hier ist es umgekehrt, denn diese Beschreibung trifft auf Zera zu. Auch wenn Prinz Lucien gut mithalten kann, Zeras Geheimnis ist noch dunkler. Gleichzeitig ist sie frech, witzig, selbstbewusst und unerschrocken. Als Leser folgt man ihren inneren Konflikten und ihre Entscheidungen sind immer logisch und nachvollziehbar. Neben Zera gibt es weitere starke, sogar queere Frauen, die entscheidend zur Geschichte beitragen. Es gibt Figuren, denen durch harte Arbeit ein gesellschaftlicher Aufstieg gelingt, obwohl ihresgleichen sonst systematisch diskriminiert werden. Niemand hier ist perfekt und niemandem gelingt alles auf Anhieb oder im Alleingang. Alle drei Bände waren durchweg spannend und schnitten auch große, allgemeine Fragen unserer Gesellschaft an. Von mir gibt es 5 Sterne! Einziger Makel – das Ende fand ich etwas unausgegoren, aber vielleicht sind mir auf der Fremdsprache auch ein paar Nuancen entgangen.

Bewertung: 5 von 5.
Image by James Wheeler from Pixabay

Unerkannte Parallelgesellschaft: „Der Hüter der fünf Leben“ von Nica Stevens

Liam ist anders als die anderen. Die 17-jährige Vivien will sein Geheimnis unbedingt lüften und gerät dabei selbst in Gefahr. Die Jugend-Romantasy-Geschichte „Der Hüter der fünf Leben“ der deutschen Fantasy-Autorin Nica Stevens haben die Büchermotte und ich als Hörbuch gehört. Die Geschichte fesselt, lässt aber noch Luft nach oben.

Nica Stevens
Hüter der fünf Leben
Sprecher: Reithmeier, Nina

Verlag: XPUB / XPUB GmbH
Gesamtlaufzeit: 600 Min.
Erscheinungstermin: April 2017
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 9783945703595


Worum geht’s?

Die mentale Reise geht nach Kanada. Hauptperson Vivien lebt bei ihrem Großvater, der unbedingt möchte, dass sie einmal eine erfolgreiche Anwältin in seiner Kanzlei wird. Vivien weiß noch nicht genau, was sie will – ihr Herz zieht sie in die Berge, in den Nationalpark, in dem ihr Vater arbeitet und in dem sie mit ihm und seinen Freunden unbeschwerte Kindheitstage verbracht hat. Als sie in den Sommerferien dort ankommt, trifft sie auch Liam, ihren Freund aus Kindertagen, wieder. Nur, dass er inzwischen erwachsen geworden ist, atemberaubend gut aussieht und sich total abweisend benimmt. Schnell findet Vivien heraus, dass er etwas verbirgt. Sie will unbedingt hinter sein Geheimnis kommen und kommt ihm dabei nicht nur näher, sondern bringt sich auch selbst in große Gefahr.

Gern etwas tiefgründiger

Die Hauptpersonen Vivien und Liam fand ich sehr sympathisch und ihre Handlungen meistens nachvollziehbar. Beide sind eher ruhige und introvertierte Charaktere. Während Liam durchgehend sehr stimmig dargestellt ist, fand ich Viviens Handlungen nicht immer passend oder nachvollziehbar. Zum Beispiel kam mir die Stelle, an der sie Liam beinahe erpresst, ihr mehr über sein Geheimnis zu erzählen, unpassend – ich an seiner Stelle hätte sie ab diesem Moment gehasst, bei mir als Leser hat sie damit einiges an Sympathie eingebüßt. Ein bisschen mehr Feingefühl hätte besser zu ihrem sonstigen Auftreten gepasst – still, aber neugierig und mutig.

Weißkopfseeadler
Spielt auch eine Rolle in der Geschichte (Image by Rob Brown from Pixabay)

Viviens Großvater erschien als durch und durch unfreundlicher Protagonist. Es war schwer, sich vorzustellen, dass Vivien irgendwie an ihm hängen könnte. Ein paar gute Eigenschaften hätten hier nicht geschadet, um ihre Gefühle, ihr Verhalten und ihren inneren Konflikt glaubwürdiger zu gestalten und um vielleicht auch den späteren Schockeffekt zu vergrößern. So kam alles nicht sonderlich überraschend.

Besonders genervt hat mich Viviens angeblich so gute Freundin Leslie, die durch ständiges Zetern, viele Schimpfwörter und einen ganz außergewöhnlichen Mangel an Feingefühl aufgefallen ist. Ich weiß, sie sollte vor allem Witz in die Handlung bringen – aber das ist nur teilweise geglückt. Alles in allem ist sie ein nicht ganz geglückter Charakter vom Typ „rebellisches, aber treues Großmaul“.

Glücklicherweise hat die Autorin in Bezug auf Liams Geheimnis eine ganz eigene (Parallel-)Welt erfunden, die nicht die gängigen Fantasy-Figuren aufmarschieren lässt, obwohl viele von deren Eigenschaften wieder auftauchen. Aber gerade so eine neue Welt hätte wahrscheinlich doch ein paar mehr Seiten oder Bände erfordert, um sie glaubwürdig erscheinen zu lassen und dem Leser die Chance zu geben, sich richtig einzuleben. Beinahe ging alles etwas zu schnell, gerade zum Ende hin – aber vielleicht lag das teilweise auch am Medienformat, dass ich die Geschichte als Hörbuch gehört, statt sie als Buch gelesen zu haben.

Büchermottes Wertung

Mit „Der Hüter der fünf Leben“ bekommt man eine spannende und romantische Geschichte. Aber uns haben nicht alle Protagonisten überzeugt, weshalb wir nicht ganz so intensiv mit ihnen mitfiebern konnten wie bei manch anderen Büchern. Auch hinsichtlich der Originalität und Stimmigkeit der Geschichte gibt es noch Luft nach oben.

Bewertung: 3 von 5.

Polarlichter in Island - Image by darrenquigley32 from Pixabay

Island-Romantik mit Elfen: Jugend-Romantasy „Faye“ von Katharina Herzog

Nachdem die Büchermotte und ich uns zuletzt über Katharina Herzogs „Die Nebel von Skye“ hergemacht hatten, mussten wir auch das Vorgängerbuch „Faye – Herz aus Licht und Lava“ noch mitnehmen. Darin geht die mentale Reise nach Island – ein Land, in dem ich immer noch nicht war, in das ich aber unbedingt einmal reisen möchte. Offensichtlich dürfen bei einer Romantasy in diesem Setting die Elfen und ein düsterer, aber anziehender Typ nicht fehlen.

Loewe Verlag »
24.07.2019
Preis: € 18,95
Seitenzahl: 400
ISBN: 978-3-743-20191-0

Erhältlich als: E-BookHardcover

(Bildquelle: Katharina Herzog)


Worum geht’s?

Die 17-jährige Faye aus München kann gut mit Pflanzen und will mal Biologie studieren. Wir steigen in die Story ein, als sie als Teil einer grünen Protestgruppe und um einem zwielichtigen Typen zu imponieren Hanfpflanzen vor die Polizeiwache pflanzt. Sie lebt allein mit ihrer Mutter und hat ihren Vater nie kennengelernt. Weil sie durch ihre Protestgruppe mit der Polizei angeeckt ist, zwingt ihre Mutter sie, in den Herbstferien mit ihr nach Island zu fahren. Dort soll die Mutter als Architektin den Baubeginn eines Hotels begleiten. Allerdings soll für das Hotel ein uralter Holunderbusch gefällt werden, der das Tor zur Elfenwelt darstellt. Schnell schlägt sich Faye auf die Seite der Gegner des Baus und lernt nach und nach die nordische Mythologie kennen und allerhand magische Gestalten. Und natürlich ist nicht sicher, ob der gutaussehende, aber düstere und irgendwie auch deprimierte Aron auf ihrer Seite steht oder nicht.

Ganz schön viel Mythologie, durchschaubare Handlung

Katharina Herzog beschreibt Island und seine sehenswerte Landschaft wirklich schön und auch sehr humorvoll. Einige Sprachbilder haben uns beide zum Lachen gebracht durch ihren Witz und ihre Ungewöhnlichkeit.

Es gibt in „Faye“ ein paar sehr erfrischende, untypische Charaktere, wie beispielsweise die Gastgeberin der kleinen Pension, in der Faye und ihre Mutter wohnen, und der Postbote Hakon. Auch in die Hauptperson Faye konnte ich mich prima hineindenken. Ich mochte es, dass sie so gut mit Pflanzen umgehen kann und genau weiß, was ihr liegt und was sie im Leben machen will. Allerdings hätte dieses Pflanzenwissen durchaus noch eine entscheidendere Rolle in der Geschichte einnehmen können, statt nur Fayes Charakter zu formen. Außerdem ist Faye manchmal etwas schwer von Begriff. Da hat man als (erwachsene) Leserin bereits verstanden, was Sache ist und worauf die Geschichte hinauslaufen wird, während Faye sich noch eine realitätsnahe Erklärung einredet.

Warum es in der Geschichte neben Elfen auch Riesen brauchte, verstehe ich nicht. Das ist zwar lustig, für die eigentliche Handlung aber redundant. Auch Thors Hammer, wo doch die nordischen Götter sonst keine Rolle spielen, musste nicht unbedingt sein. Auch manche „Superkräfte“, die Faye plötzlich besitzt, tragen gar nicht zum Gelingen der Handlung bei und hätten nicht sein müssen.

Negativ aufgefallen ist mir, dass mehrere Charaktere rauchen und dadurch ausgerechnet noch besonders chillig und cool rüberkommen sollen. Das gehört meiner Meinung nach nicht in ein Jugendbuch, auch wenn dem Rauchen sicher immer noch etwas Verwegenes anhaftet, könnte man als Autorin Verantwortung übernehmen.

Viele Orte, die im Roman vorkommen, gibt es wirklich - zum Beispiel das Flugzeugwrack am schwarzen Strand. (Image by Pexels from Pixabay)
Viele Orte, die im Roman vorkommen, gibt es wirklich – zum Beispiel das Flugzeugwrack am schwarzen Strand. (Image by Pexels from Pixabay)

Die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Faye und Aron konnte mich nicht überzeugen. An sich kann ich mich durchaus in Aron einleben. Vielleicht liegt meine Skepsis daran, dass ich in letzter Zeit einfach zu viel über düstere, aggressive und von Selbsthass zerfressene Jungs gelesen habe, die leider nichts für ihre traurige Vergangenheit können. Und deren Leben sich dann durch die unsterbliche Liebe zur Hauptperson radikal ändert. Das ist ohne Frage romantisch. Aber es vermittelt auch den Eindruck, dass man seelische Probleme durch andere Menschen einfach abschütteln kann. In der Realität geht das langfristig nicht gut und man sollte auch umgekehrt nicht glauben, seinen Partner therapieren zu können.

Büchermottes Wertung

Meine 9-jährige Büchermotte, der ich mal wieder vorgelesen habe, vergibt 3 von 5 Sternen. Abzüge gibt es für Aron, der ihr wegen seiner Aggression und seiner Nikotinsucht unsympathisch war. Außerdem gab es auch hier wieder die klischeehafte Motorrad-Szene. Im Gegensatz zu mir, hat sie die Handlung übrigens nicht bereits vorhergesehen – von daher ist die Spannungskurve für jüngere Leser trotzdem gut. Das Buch ist unterhaltsam und flüssig geschrieben und wir hatten viel Spaß beim gemeinsamen Lesen. Und an der Sache mit den Klischees und der Vorhersehbarkeit hat Katharina Herzog in ihrem nächsten Roman „Die Nebel von Skye“ tatsächlich erfolgreich gearbeitet.

Bewertung: 3 von 5.

„Die Nebel von Skye“ – Romantische Schauergeschichte von Katharina Herzog

Eine unterhaltsame Gruselgeschichte mit viel Nebel, Geistern und einer ersten Liebe erzählt das Jugendbuch „Die Nebel von Skye“ von Katharina Herzog. Ich habe das Buch in der letzten Woche gemeinsam mit einer 9-jährigen Büchermotte gelesen. Nun bin ich zwar nicht mehr jugendlich und sie noch nicht, aber uns beiden hat das Lesen viel Spaß gemacht – ein Dankeschön geht hier an Verena vom Blog Lieblingsleseplatz, die das Buch neulich empfohlen hat.

Worum geht’s?

Die Hauptperson Enya kommt zwar aus Deutschland, wirkt mit ihrem keltischen Namen und ihren roten Haaren „schottischer als jeder Schotte“. Ihre chaotische Familie hat Geldsorgen und vor allem deswegen müssen alle der Einladung der reichen Großtante Mathilda folgen, die Silvester gemeinsam auf einem schottischen Schloss feiern möchte. In den wildromantischen Nebelschwaden spukt nicht nur ein Geist. Enya verliebt sich auch noch.

Buchcover "Die Nebel von Skye" von Katharina Herzog (Quelle: https://katharina-herzog.com/jugendbuch/die-nebel-von-skye/)

Loewe Verlag »
08.10.2020
Preis: € 14,95
Seitenzahl: 400
ISBN: 978-3-7432-0620-5
Erhältlich als: E-BookPaperback

(Bildquelle: Katharina Herzog)

Traumhafte Landschaft, überraschende Charaktere

Mir gefällt an dem Roman, dass man viel über die schottische Landschaft und ihre Sehenswürdigkeiten erfährt, die man auch real besuchen kann. Gleichzeitig bewegt sich diese „Romantasy“ nicht wie so häufig in einem Milieu von reichen Schülern oder Studentinnen, sondern es gibt trotz des mondänen Settings Geldsorgen und soziale Unterschiede. Beispielsweise gehören Jona und seine Großmutter zu den „Irish Travellers“, deren Wohnwagensiedlung aufgelöst werden soll. Die Thematik wird nur gestreift, aber es ist ein ungewöhnlicher Aspekt, der der Geschichte eine individuelle Note gibt.

Um die Landschaft der Isle of Skye ranken sich viele Legenden - Image by David Mark from Pixabay
Um die Landschaft der Isle of Skye ranken sich viele Legenden – Image by David Mark from Pixabay

Die verschiedenen Charaktere sind jeder auf ihre eigene Art und Weise sympathisch, auch wenn sie zunächst schrill oder schroff wirken. Viele verbergen kleine Geheimnisse, überraschende Details kommen später ans Licht. Die 16-jährige Hauptperson Enya verfolgt den großen Traum, Regisseurin zu werden und das Spukschloss-Setting und die Legende um die herumgeisternde Burgherrin Finola McLeod kommt ihr sehr gelegen. Aber auch um Großtante Mathilda ranken sich Geheimnisse und Jonas Oma, eine Wahrsagerin, sieht Gefahr in ihrer Kristallkugel. Auf diese Weise dreht sich die Geschichte zuallererst um die Rätsel, die Enya zu lösen versucht. Nebenbei verliebt sie sich in Jona, der aber auch etwas zu verbergen hat. Jona trägt zwar keine Designerklamotten, sondern fährt ein klappriges Auto, aber er sieht gut aus, hat ein Herz für Tiere und ist ziemlich nett.

Büchermottes Wertung

Meine 9-jährige Büchermotte, der ich das Buch vorgelesen habe, vergibt 4 von 5 Sternen. Den Stern Abzug gibt es von ihr nur, für eine klischeehafte Motorradszene, dafür dass Jona Enyas Hund als „Köter“ beschimpft hat und weil der hübsche Jona einfach zu hübsch ist. Sie wünscht sich mal ein Buch mit einem unspektakulären Jungen in der Hauptrolle 😉

Bewertung: 4 von 5.

Alles in allem: Eine klare Leseempfehlung, wenn man eine gemütliche Wohlfühl-Lektüre für regenverhangene Nebeltage sucht!

Lügen, Wahrheiten und einige Klischees im romantischen Cornwall

Manche Orte scheinen sich als besonders begehrte Romanschauplätze zu manifestieren. Cornwall zum Beispiel. Als ich neulich die drei Bücher der Lügenwahrheit („Ein Augenblick für immer“) von Rose Snow verschlungen habe, war meine Lektüre von Sandra Regniers Pan-Trilogie noch gar nicht so lange her. Deswegen kam mir das wildromantische Setting mit tosendem Meer, kleinen Küstenorten und Steinkreisen doch sehr bekannt vor. Aber von Anfang an.

Das Cover "Ein Augenblick für immer - Das erste Buch der Lügenwahrheit" von Rose Snow fotografiert an einem Baumstamm
Cover „Ein Augenblick für immer – Das erste Buch der Lügenwahrheit“ von Rose Snow

Zwei mysteriöse Jungs und eine aufregende Gabe

Die Bücher der Lügenwahrheit ordnen die Autorinnen selbst ins Genre „Romantasy“ (Romanze + Fantasie) ein – die Hauptfiguren sind etwa 17 Jahre alt. Obwohl ich schon länger keine 17 mehr bin, lese ich auch solche an Jugendliche gerichtete Romane sehr gerne.

Ich mag die Grundidee von Rose Snows Lügenwahrheit-Trilogie: Die Hauptperson June zieht von Frankfurt nach Cornwall, um ein Jahr bei ihrem Onkel zu wohnen, dort in eine Schule zu gehen und sich aufs Studium vorzubereiten. Dort erwacht in ihr eine geheimnisvolle Gabe, die sich scheinbar innerhalb der Familie vererbt: Nach dem Besuch eines Steinkreises kann sie plötzlich zielsicher zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden. Den Steinkreis hätte es meiner Meinung nach dafür nicht unbedingt gebraucht, er wird in vielen anderen Romanen schon quasi überstrapaziert. Aber mit Lüge und Wahrheit lassen sich hervorragende Konflikte und Gedankenspiele zaubern. Für zusätzliche Spannung sorgen Junes beiden geheimnisvollen Cousins, ihre magischen Gaben und die Dreiecksbeziehung, die sich dann entspinnt. Und ein Fluch, den es aufzuhalten gilt.

B. Cotham (-), Water Mill Lamorna Cove, Cornwall, 19th century (Quelle: Statens Museum for Kunst, Europeana, CC0)

Durchgehend spannend – leider zu viele Klischees

Das Autoren-Duo Rose Snow schafft es, die Spannung in der Geschichte durchgehend aufrecht zu erhalten und schreibt auch mit einem gewissen Humor. Am witzigsten finde ich, dass die Hauptperson June den Tick hat, hin und wieder an mehr oder weniger passenden Stellen Statistiken einzuwerfen. Ich liebe Statistiken 😉 Ich mag den Schreibstil von Rose Snow wirklich, weshalb ich sicher auch einige ihrer anderen Buchreihen lesen werde.

Meine Lieblingsfiguren im Buch sind Junes neue britische Freunde Lily und Grayson, die mit ihrem witzigen Geplauder die Geschichte angenehm aufmischen.

Für meinen Geschmack hätte der Fluch kein „echter“ (klischeehafter) Fluch (mit Donner, Geist, Hexe, Leiche und allem drum und dran!) sein müssen. Und dann noch in Cornwall, wo Flüche und Magie offenbar an jeder Ecke lauern. Die Spannung um die geheimnisvollen Gaben hätte vielleicht auch etwas subtiler aufgebaut werden können, überraschender womöglich.

Die begehrten Cousins müssten wegen mir auch nicht quasi überirdisch gut aussehen und noch dazu abnormal reich sein. Ich meine, welche Art von Männern möchte Frau Anno 2020 denn anschmachten? Offenbar müssen sie immer noch gutaussehend, stark und etwas schroff und noch dazu reich sein… Ich weiß gar nicht, WIE OFT Cousin Blake Hauptperson June insgesamt retten musste! Dabei ist sie beschrieben als ein intelligentes, schlagfertiges, sportliches Mädchen.

Alles in allem bekommt man hier aber zuverlässig unterhaltsame und spannende Lektüre. Für einen lange bleibenden Eindruck reicht es bei mir allerdings nicht.

Wie ist deine Meinung? Welche Klischees aus Romanen liest du gerne/nicht so gerne und warum?

Zukunftsszenario oder Verschwörungstheorie: „Eden Academy“ von Lauren Miller

Das Buch „Eden Academy“ (im Original „Free to Fall“) von Lauren Miller hat mich mit seiner Grundidee begeistert: Erschienen 2014, zeichnet es ein Szenario um das Jahr 2030 herum. Die Welt ähnelt unserer heutigen, aber die digitale Technik hat sich mit gleichbleibender Geschwindigkeit weiterentwickelt. Die heute großen Tech-Konzerne sind von einer einzigen, alles beherrschenden Firma verdrängt worden, die den Menschen ein begehrtes Smartphone buchstäblich an die Hand gibt, das deren Alltag zum Besseren lenkt. Mit seiner Entscheidungs-App Lux hilft es bei der Wahl des Essens, des Partners, der Ausbildung und macht so das Leben einfacher, besser und glücklicher – oder?

Deutsches Buchcover von „Eden Academy“, erschienen im Ravensburger Verlag

Bis die Hauptperson Rory an die begehrte Elite-Universität Eden Academy kommt, folgt sie diesen neusten digitalen Gadgets wie die meisten anderen blind. In der neuen Stadt lernt sie den Punk North kennen, der sich obwohl oder weil er sich damit auskennt, nicht von der Technik lenken lassen will. Nach und nach kommt Rory einer riesigen Verschwörung auf die Spur, was sie in Lebensgefahr bringt. „Eden Academy“ ist eine Art Tech Thriller, garniert mit einer Liebesgeschichte.

Kann man trotz Technik selber denken?

Die Autorin wirft spannende Fragen auf: Wie viel sollte ein Konzern bestimmen dürfen? Hören wir auf selbst zu denken und auf unsere innere Stimme zu vertrauen, wenn wir auf Technik vertrauen? Können wir von Technik manipuliert werden?

Manchmal hatte ich Sorge, dass die christliche Symbolik im Buch überhand nehmen würde, dass die weitläufiger interpretierbare „innere Stimme“ komplett durch Gott ersetzt werden würde. Aber die Autorin hat es gerade noch geschafft, diese Frage dem Leser zur eigenen Interpretation offen zu lassen. Auch die Balance zwischen Technikbegeisterung und Technikfeindlichkeit gelingt ihr nur haarscharf. Weder das blinde Vertrauen noch der wahnhafte Verschwörungsglaube sind meiner Meinung nach angebracht. Denn wenn wir ehrlich sind, ist ein Zurück zum Papiergeld und zur Schreibmaschine auch nicht die Lösung. Doch das Buch regt zum Selberdenken, Reflektieren und zu einem gesunden Misstrauen an, was ich allen, die sich tagtäglich mit Smartphones, Computern, Social Media Netzwerken und Medien aller Art umgeben nur wünschen kann.

Das Buch „Eden Academy“ richtet sich an junge Erwachsene ab 12 Jahre, ist aber auch für Ältere spannend zu lesen.

So klingt der offizielle englische Trailer zum Buch: