Gedanken über Dystopien: Sind wir wirklich „zukunftslos“?

Ein Zug hält an einem leeren schwedischen Bahnhof auf dem Land, Bild: Järnvägsmuseet, Public Domain

Diese Woche habe ich einen Artikel bei 54books gelesen, der mich zum Nachdenken gebracht hat. Die Autorin Sabina Zollner diskutiert unter der Überschrift „Gefangen in der Zukunftslosigkeit“ die Science Fiction-Romane „Die Gabe“ von Naomi Alderman und Margaret Atwoods „Report der Magd“.

Sind wir „retro-süchtig“?

Dabei kommt sie (in sehr verallgemeinernden Worten, so als betreffe es das gesamte Genre, was ja definitiv nicht der Fall ist!) zu dem Schluss, dass viel zu häufig dystopische, düstere Zukunftsbilder gezeichnet werden. Als könnten wir uns keine schöne Zukunft vorstellen und wollten am liebsten im Jetzt stehenbleiben!

Vielleicht ist “Die Gabe” damit ein weiteres Symptom der vorherrschenden Retro-Sucht, die der mittlerweile verstorbene Kulturwissenschaftler Mark Fisher etabliert hat. Dieser behauptet, dass wir in einer Zeit der Zukunftslosigkeit leben, in der wir uns keine alternative Realität vorstellen können. 

Sabina Zollner: „Gefangen in der Zukunftslosigkeit“, 54books

Ich gebe zu, ich habe beide Bücher (noch) nicht gelesen. Der „Report der Magd“ ist schon in den 1980er Jahren erschienen und beschreibt eine Zukunft, in der fanatische Christen die Emanzipation der Frau wieder zurückdrehen und erneut Unterdrückung herrscht. „Die Gabe“, in England 2016 veröffentlicht, dreht die Verhältnisse um. Durch eine Mutation werden Frauen plötzlich zum „starken Geschlecht“ und nutzen das auf ganzer Linie aus, um fortan die Männer zu terrorisieren. Ich hatte das Buch gestern bereits im digitalen Warenkorb, hab es quasi digital in den Händen hin und her gedreht, aber dann doch nicht gekauft. Die Vorstellung, mich mit gleich vier gemeinen, machtgeilen und egoistischen Damen als Hauptpersonen auseinandersetzen zu müssen, hat mich abgeschreckt. Aber vielleicht lese ich es irgendwann doch noch.

Zurück zu den Gedanken. Trotz, dass ich die Bücher also nicht gelesen habe, hat die These, wir seien „zukunftslos“ und könnten uns einfach keine positive Zukunft ausmalen, mich elektrisiert. Oder sagen wir, ich hab sofort innerlich protestiert. Ich zitiere mal das Fazit des Artikels:

Man kann sich also fragen: Ist es Margaret Atwoods Buch, das so zeitlos ist, dass es noch 35 Jahre später begeistert. Oder ist der Rest der Kulturproduktion so ideen- und zukunftslos, dass sie keine Alternative bietet?

Sabina Zollner: „Gefangen in der Zukunftslosigkeit“, 54books

Ich liebe ja Dystopien. Solche Szenarien, die aufzeigen, was alles schief gehen kann, wenn bestimmte Tendenzen, die heute nur leicht spürbar sind, konsequent weitergeführt werden. Für mich sind das interessante Gedankenspiele, die sich auf die Gegenwart übertragen lassen. Eventuelle Konsequenzen, die eintreffen könnten, wenn die Gesellschaft unterwegs nicht gegensteuert. Dass so etwas passieren kann, hat die Geschichte ja schon öfter eindrucksvoll gezeigt. Manchmal treffen Science-Fiction-Autoren und Autorinnen ja auf beinahe gruselige Art ins Schwarze.

Andererseits sind die Bücher vor allem gute Unterhaltung. Damit Spannung entsteht, müssen Konflikte vorhanden sein. Eine durch und durch positive zukünftige Welt wäre vor allem eins: langweilig.

Deshalb denke ich, die Mischung macht’s. Am liebsten haben wir doch alle eine konfliktreiche Geschichte, die zum Nachdenken anregt und am Ende trotzdem Hoffnung durchblinken lässt, oder?


Das Beitragsbild zeigt übrigens den schwedischen Bahnhof von Bygget (Foto: Tom Persson, Järnvägsmuseet, Public Domain). So wie der Schaffner da verloren auf dem Bahnhof mitten in der nordischen Pampa steht, fand ich das Bild zur Überschrift „Zukunftslosigkeit“ passend (obwohl es damit nichts zu tun hat). Gefunden hab ich es in der europäischen Onlinebibliothek Europeana.

7 Kommentare

  1. Guten Morgen!
    Ich bin da ganz bei dir! Möchte ich denn ein Buch lesen, indem es Friede, Freude und ganz viele Eierkuchen mit Apfelmus gibt? Eigentlich nicht. Weder in der Zukunft, noch in der Vergangenheit, noch in einem Paralleluniversum. Es ist doch so, eine schöne Zukunft ist sicherlich toll, aber super langweilig zu lesen. Und man hätte immer dasselbe Szenario zu begutachten: glückliche, zufriedene Menschen. Da möchte ich schon beim Drübernachdenken bereits wieder ins Bett.

    Liebe Grüße!
    Gabriela

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    1. Hallo Gabriela,
      Hihi, schlaffördernd wäre das bestimmt! Vielleicht ging es auch darum, ob das Ende einen Lichtblick lässt. Aber das geht so nicht wirklich aus dem Artikel hervor, ich fand ihn sehr verallgemeinernd.
      Jetzt wünsch ich dir erstmal einen schönen Tag!
      Viele liebe Grüße,
      Tala

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  2. Dystopien funktionieren in die Richtung Rückkehr zum Mittelalter und in die Robotic Zeit, wenn man z. B. Schöne Neue Welt nimmt. Aber beides ist nicht positiv. Wobei ich dann doch lieber das Mittelalter hätte – aber ohne Frauenunterdrückung….ach je….Schwierig.

    Mich reizt an einer Dystopie – wie überlebt man das, welche Ideen bringt das Buch, die Serie oder der Film.
    Ein sehr spannendes aber auch leicht frustrierendes Genre. Denn ich denke eine rosige Zukunft wird es erstmal nicht geben.

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    1. Ja, oder zumindest wird jede Zeit so ihre Herausforderungen mit sich bringen. Und man sieht ja auch, dass der Mensch auch Probleme hat, wenn die Rahmenbedingungen eigentlich so angenehm wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte sind 😉

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  3. Ich lese Dystopien sehr gerne und finde nicht, dass ich irgendjemandem Rechenschaft darüber ablegen muss, warum das so ist. Ich lese auch das, was man „große Literatur“ nennt sehr gerne. Der Artikel, den du gelesen hast, ist halt so eine typische abgehobene „Literaturkritik“, die sich anmaßt, den Lesegeschmack anderer genau zu kennen und daraus irgendwelche Schlüsse zu ziehen.
    herzliche Grüße

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    1. Ja, da könntest du recht haben, war mir auch zu verallgemeinernd formuliert. Ich persönlich richte mich selten danach, ob ein Buch nun besonders empfohlen wurde oder nicht, sondern nach der Inhaltsangabe. In letzter Zeit hatte ich etwas Pech und es liegen einige angefangene Bücher rum, die mich nicht so recht fesseln konnten 🤷‍♀️

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