Kopfkino beim Lesen: Hört ihr Stimmen oder seht ihr Bilder beim Lesen?

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Habt ihr schon mal genauer darüber nachgedacht, was in eurem Kopf vor sich geht, wenn ihr ein Buch lest? Die Montagsfrage von Nerd mit Nadel im Blog Lauter&Leise hat mich sofort angefixt, einen Blogpost dazu zu schreiben. Ich empfehle euch auch die bei Lauter&Leise verlinkten Blogposts anderer Blogger dazu – denn sicher erlebt das Lesen jeder anders, oder? Hier kommen meine Beobachtungen:

Der Film im Kopf

Ich gebe zu, so bewusst habe ich mich vorher mit der Frage gar nicht beschäftigt. Aber nach näherem Überlegen bin ich der Meinung, dass ich mir beim Lesen besonders die gesprochene Rede der Charaktere gern als Stimmen vorstelle.

Ist eine handlungsintensive Szene sehr anschaulich beschrieben, blitzt die auch als kleiner Film in meinem Hirn auf – zum Beispiel ein Wettrennen oder der typische „Cliffhanger“, wo eine Hauptperson sich gerade noch mit einer Hand an den Rand des Abgrunds klammert. Aber auch unbedeutendere Gesten wie das ebenfalls stereotype Durch-die-Haare-fahren sehe ich filmisch vor mir. Kreativere Gesten, die detailliert beschrieben werden, mache ich gern auch mal nach!

Manchmal beschäftigt mich ein Buch so sehr, dass ich geschilderte Szenen auch nach dem Lesen nochmal erlebe und darüber nachdenke, wie die Handlung weitergehen könnte.

Der Film-Konflikt

Kennt ihr das? Eines eurer Lieblingsbücher ist verfilmt worden, aber die Schauspieler, die die Buchcharaktere verkörpern, stoßen euch regelrecht ab? Mir geht das auch gern so bei Buchcovern, auf denen sich allzu anschauliche Fotos von realen Menschen befinden (hab ich auch hier besprochen).

Das bedeutet, dass ich offensichtlich ein ziemlich genaues Bild der Buchcharaktere im Kopf habe. Da Geschmäcker verschieden sind, kann das auch von der Schilderung im Buch abweichen. Das ist mir beim gemeinsamen Lesen des selben Buchs mit anderen aufgefallen, wo wir hinterher quasi völlig unterschiedliche Beschreibungen der Hauptpersonen abgeliefert haben. Trotzdem denke ich nicht, dass ich ein glasklares Bild vor Augen habe, etwas verwaschen eher.

Das Bild „Læsende barn“ stammt von Erling Eckersberg (Sammlung Statens Museum for Kunst, gemeinfrei)

Was passiert denn nun beim Lesen im Gehirn?

Auch Forscher beschäftigen sich mit dem Lesen und Schreiben und es scheint, als ob es hier noch viele offene Rätsel zu lösen gibt. Die Max-Planck-Gesellschaft schreibt beispielsweise: „Gehirntraining: Wer liest, übt überraschend viele kognitive Fähigkeiten. Gute Leser haben ein besseres verbales Kurzzeitgedächtnis, können Kategorien schneller wahrnehmen, Bilder, Farben und Symbole schnell benennen oder besser vorhersagen, wie ein gesprochener Satz weitergehen könnte.“ (Zur Studie) Da können wir uns als Leseratten doch mal wieder auf die Schulter klopfen und haben gleich eine Ausrede mehr, um die Nase permanent in Bücher zu stecken!

Trotzdem scheint Lesen eine Tätigkeit zu sein, die für unser Gehirn von Natur aus gar nicht vorgesehen war. Gesehen auf die Länge der Menschheitsgeschichte ist sie auch noch relativ jung (Zur Quelle). In seinem Artikel auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung unterscheidet Ernst Pöppel zwei Arten von Lesen. Das Lesen von Texten zur reinen Extraktion von Inhalten lasse ich jetzt mal außen vor. Das andere ist für mein Thema hier interessant: „Und dann gibt es zweitens das bildgenerierende oder geschichtengenerierende Lesen, wie es in Romanen oder in einem Gedicht versucht wird. Hier wird eine innere Stimme genutzt, um ein bildliches Drama auf der Bühne des inneren Erlebens zu entwerfen. Diese Form des Lesens hat eine ganz andere Bedeutung und auch Begründung in den neuronalen Prozessen unseres Gehirns. Jeder Leser entfaltet eine eigene Bildgeschichte, die mit ihm selber abgestimmt ist. Dieses Lesen ist einer Ich-Nähe, der Identität des Lesers, verpflichtet. Hier wird das Gedicht oder die Episode Teil des Lesers selbst. Ich identifiziere mich mit der Handlung, und die Bildsequenz der Handlung ist je meine eigene.“

Eine andere Studie eines internationalen Forschungsteams konnte zeigen, dass beim Lesen die gleichen Hirnareale aktiv sind, wie bei Analphabeten, wenn sie Gesichter und Objekte identifizieren (Zur Studie).

Interessante Theorien und Forschungsergebnisse aus der Psychologie steuert übrigens Sophia von Wordworld in ihrem Blogpost bei.

Auch der Tenor aus den anderen Blogposts geht in die Richtung: Wir sehen beim Lesen szenenartige Bildsequenzen vor unserem inneren Auge. Daraus schlussfolgere ich, dass wir tatsächlich beim Lesen eine Art Film sehen – jeder unseren eigenen!

7 Kommentare

  1. Was geht beim Lesen in meinem Kopf vor? Hm, die Buchstaben und ihre Reihenfolge werden nebensächlich, eigentlich lese ich in Bildern. Ich weiß nicht, ob du schon mal „Matrix“ gesehen hast. Es ist, wie dieser Typ sinngemäß sagt: „Ich sehe die Zeichen gar nicht mehr. Ich sehe Brünette, Blonde, Rothaarige…“
    Sowas passiert beim Lesen. Im Grunde… sehe ich einen Film.

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    1. Hallo Kasia,
      das ist echt interessant, es scheint bei vielen ähnlich sein, man denkt nicht über die Worte nach und versinkt im Buch – d.h. je nachdem, wie mitreißend das Buch und wie anschaulich es geschrieben ist. Vorher hab ich aber noch nie darüber nachgedacht! 🙂
      Danke für’s Mitforschen!
      Tala

      Gefällt 1 Person

    1. Hallo Andreas,
      ja, ich hab auch Lust bekommen, mich näher damit zu beschäftigen. Auf jeden Fall werde ich jetzt beim Lesen noch einmal ganz genau darauf achten – und ob es Unterschiede zwischen den Büchern gibt 🙂
      Danke fürs Lesen und Kommentieren!
      Tala

      Gefällt 1 Person

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