Warum gibt es das Buchgenre „Jugendbuch“?

Das Bild "Ung læsende mand", 1903-1904, von Albert Repholtzund Willem Drost, Statens Museum for Kunst, Lizenz CC0

Bei Filmen hat sich die Kennzeichnung FSK 6, FSK 12, FSK 18 eingebürgert, um junge Menschen vor zu brutalen oder anderweitig verstörenden Inhalten zu schützen. Aber wie ist das bei Literatur? Da gibt es ein ganzes Genre, das Jugendbuch heißt und das fließend in Young Adult/Junge Erwachsene übergeht und dann in die „normale“ Belletristik. Aber wozu das Label, das für das Jugendbuch eine Art Parallelwelt schafft, die von „Erwachsenen“ weitgehend unbeachtet existiert? Ist es, um die Jugendlichen vor vermeintlich langweiligen oder alternativ vor brutalen Inhalten mit zu alten Protagonisten zu schützen oder umgekehrt, um ältere Leser vor der Konfrontation mit jungen Romanhelden und deren andersartigen Problemen und Erfahrungen zu warnen?

Ist die Jugendbuch-Sparte ein Schutzraum?

Zweifelsohne ist es wichtig, junge Leser von verstörenden Inhalten abzuschirmen, wie das auch bei Filmen durch die Altersfreigabe gelöst ist – auch für Erwachsene finde ich eine „Trigger-Warnung“ sinnvoll! Dieses Prinzip stelle ich nicht in Frage und möchte es an dieser Stelle auch nicht weiter diskutieren. Auch Kinderbücher für Leser unter 12 möchte ich hier ausschließen.

Mein Eindruck ist jedoch, dass sich in der Buchbranche eine tiefere Trennung als bei Filmen entwickelt hat, wo man als Erwachsener – meines Wissens – nicht auf die Idee kommt, vor einem Film FSK 12 mental zurückzuschrecken (korrigiert mich!).

In der Buchbranche kommt es mir aber so vor, als hat sich eine völlig abgegrenzte Welt „Jugendbuch“ herausgebildet. Hier werden alle Genres repräsentiert, die es auch sonst gibt. Es ist eine parallele Version des Buchmarkts mit eigenen Preisen, eigenen Stars, eigenen Bestsellern. Aber könnte man diese Bücher nicht auch einfach Belletristik FSK 16 nennen, ein Fantasy-Buch FSK 12 und einen Krimi FSK 14? Dann könnte es passieren, dass Jugendlichen aus Versehen Bücher mit älteren Protagonisten in die Hände fallen oder umgekehrt, ältere Leser sich mit der Gedankenwelt einer 17-jährigen Hauptperson beschäftigen müssen.

Werden Jugendbücher ernst genommen?

Manchmal entsteht durch diese Trennung für mich der Eindruck, dass die Jugendbuchsparte im gesellschaftlichen Diskurs und als Kunstform weniger ernst genommen wird als die „normale“ Belletristik. Darauf gestoßen bin ich beispielsweise durch den Artikel „Schweig, Autorin“ von Nicole Seifert auf 54Books, wo davon berichtet wird, wie ein Debütroman als „naives Jugendbuch“, das es nicht wert sei im Feuilleton besprochen zu werden, abgetan wurde, so als gelte die Gleichung Jugendbuch = naiv = künstlerisch wenig wertvoll.

Eine schöne Gegenstimme dazu ist dieses Zitat aus Tobias Gralkes Artikel über politische Kinder- und Jugendbücher auf 54Books: „Man kann die Welt der Kinder- und Jugendmedien natürlich als politikfreien Raum verklären – aber ich glaube, dass man damit weder dem Genre noch jungen Menschen, geschweige denn der Welt, in der sie aufwachsen gerecht wird. Es geht letztlich darum, eine Literaturform genauso ernst zu nehmen wie im besten Fall ihre Leser:innen.“

(Hab ich erwähnt, dass ich die Website 54Books als alternatives Literatur-Feuilleton, das ungewöhnliche Themen setzt, sehr schätze?)

Das Bild "Læsende ung pige", 1825-1873, des Künstlers Wilhelm Marstrand, Statens Museum for Kunst
Das Bild „Læsende ung pige“, 1825-1873, des Künstlers Wilhelm Marstrand, Statens Museum for Kunst, Lizenz: CC0

Ist „Die Leiden des jungen Werther“ ein Jugendbuch?

Ein junger Mann zerbricht an seiner unerreichbaren, ersten großen Liebe und begeht Selbstmord – das ist doch klassischer Stoff für ein Jugendbuch, das zum Nachdenken anregen möchte. Der 25-jährige Autor landete damit seinen ersten internationalen Bestseller, auch weil das Thema Liebe außerhalb der Ehe und Suizid große, emotionale Kontroversen in der zeitgenössischen Debatte hervorrief.

Ich hab die Frage oben bewusst so provokant gestellt. Natürlich will ich den deutschen Nationaldichter Johann Wolfgang von Goethe nicht mit heutigen Jugendbuchautorinnen und -autoren vergleichen – er scheint jedem Vergleich erhaben zu sein, besonders dem mit Büchern für junge Leute. Aber mich wundert einfach, warum sich die Literaturwelt entschieden hat, so klar zwischen Literatur für junge und für „normale“ Leser zu trennen. (Vielleicht will ich mich nur nicht so komisch fühlen, weil ich selber so oft zu solchen Büchern greife 🙂 ?)

Geht es um fehlende Neugier, Schubladen und Vorurteile?

Ich gebe zu, als ich begann „Die Zeitfuge“ von Michael J. Sullivan zu lesen, hatte ich Startschwierigkeiten, mich in den älteren Mann, der hier die Hauptperson ist, hineinzufühlen (ich habe das u.a. hier beschrieben). Was interessieren mich dessen Gebrechen und seine problematische Ehe?, hab ich gedacht. Aber dann, als ich mich darauf eingelassen habe, ist es ein mitreißender Roman geworden, der interessante Überlegungen über Zukunftsfragen, Rollenbilder und die Liebe angeregt hat (absolute Leseempfehlung!). Beinahe wäre mir das also entgangen, wegen diesem Bild in meinem Kopf, dass so eine Hauptperson und ich nicht zusammenpassen würden.

Ich hab das Thema schon einmal hier so ähnlich beschrieben und interessante Kommentare darauf erhalten. Einer der entschiedensten: Schubladen sind wichtig für die Auswahl von Lesestoff. Als Leser möchte man nicht enttäuscht werden und wissen, was man bekommt. Auch den Autoren und Verlagen ist nicht daran gelegen, dass ein Leser etwas ganz anderes von einem Buch erwartet hat, denn das würde ihn nur enttäuschen. Durch Genres ist man auf der sicheren Seite. Aber man lässt sich auch weniger überraschen und herausfordern.

Ein Beispiel: Seitdem ich im Februar im DLF-Podcast „Buchbesuch“ das Gespräch mit Zoe Beck gehört hatte, schleiche ich mental um deren Roman „Paradise City“ herum. Ich mag Zukunftsdystopien und fand das Thema sehr spannend. Aber dann hab ich gemerkt, dass das Buch das Label „Thriller“ trägt und die Genres Thriller und Krimi lese ich normalerweise nicht – ich kann nicht genau sagen, wieso, aber ich mag mich nicht gruseln. Wahrscheinlich entgeht mir hier aber ein tolles Buch. Wenn als Genre „Science Fiction“ gestanden hätte, würde ich nicht zögern, auch wenn es gruselig wird! Ich nehme mir hiermit vor, in dieser Hinsicht neugieriger und wagemutiger zu werden. Die Chancen, dass ich „Paradise City“ doch noch lese, stehen nicht schlecht!

Das Bild „Romanen. Ung læsende pige“, 1862-1898, von Axel Helsted, in der Sammlung des Statens Museum for Kunst, Lizenz CC0

Geht es um Sprache und künstlerischen Anspruch?

Das Genre-Argument finde ich schlüssig. Natürlich will ich als Leser wissen, wird es Fantasy oder Krimi, Thriller oder Romanze? Aber wäre ein zum Jugendbuch analoges Genre „Rentnerroman“ nicht diskriminierend? Es muss also noch andere Gründe geben, um eine eigene Sparte zu rechtfertigen. Bei Kinderbüchern ist das natürlich die Sprache, die für die sehr junge Zielgruppe viel einfacher und verständlich gehalten sein muss – auch so zu schreiben ist übrigens eine Kunst für sich. Aber spätestens für eine Altersgruppe ab 14 oder 16 ist nicht mehr nötig, wie ich finde. Natürlich gibt es hier große Unterschiede. Ich weiß nicht warum, aber ich lese ziemlich viele Jugendbücher. Manche sind sprachlich deutlich einfacher gehalten, andere überhaupt nicht. Manche sind vorhersehbar, andere überraschend. Manche nehmen jedes Klischee mit, andere punkten durch ausgefallene, kontroversielle Charaktere. Aber ist das nicht auch in der „normalen“ Belletristik so?

Oder liegt es an meinem Lieblingsgenre Fantasy?

Die meisten Bücher, die ich lese, gehören ins Genre Fantasy. Vielleicht liegt mein Eindruck auch daran, dass hier vielmehr für ein All-Age-Publikum geschrieben wird als in anderen Genres. Das kann ich weder belegen, noch hab ich es genauer untersucht. – Ich werde mal darauf achten.

Ich bin keine Literaturwissenschaftlerin, auch wenn Literatur in meinem Studium ein Teilbereich war. Aber ich denke gerne über Literatur und den Literaturbetrieb nach, denn der spiegelt auch unsere Gesellschaft und unsere Sicht auf die Dinge. Ich freu mich mal wieder auf eure Meinungen dazu, die sicherlich weit auseinandergehen werden!

6 Kommentare

  1. Ich persönlich habe schon als Jugendliche einen weiten Bogen um das gemacht, was offiziell als Jugendbuch deklariert wurde 😁 und war auf der anderen Seite sehr froh darum, dass die Bücher nicht mit FSK-Angaben etikettiert wurden. So konnte ich lesen, was ich wollte, ohne mich rechtfertigen zu müssen oder gar davon abgehalten zu werden.

    Triggerwarnungen finde ich allerdings auch äußerst sinnvoll und hilfreich. Gleich, welches Genre und völlig unabhängig davon, ob Jugend- oder Erwachsenenliteratur.

    Liebe Grüße von
    Mary

    PS: Einen wirklich schönen, ansprechenden und anspruchsvollen Blog hast du hier! ❤

    Gefällt 1 Person

  2. wow…
    wow…
    wow…
    dachte ich mir nur, als ich Deine Ausführungen über Deine Gedanken zum Thema „Buchgerne Jugendbuch“ gelesen habe.
    Ich hatte vor vielen Jahren ein ähnliches innerliches Dilemma mit der Kategorie „Jugendbuch“.

    Als ich vor gut 20 Jahren meine damals über 3000 Printmedien für den Umzug ins jetzige Heim packte, hatte ich auch etliche Regalbretter mit dem Label „Jugendbuch“ versehen, in denen die Geschichten voll mit Abenteuer, Phantasie, Krimi, Spannung, Grusel und Horror einträchtig versammelt um die Plätze auf den Brettern rangelten…
    Auch in der Kategorie „Kinderbücher“ verhielt es sich so.
    Doch daneben gab es auch noch die sogenannten „Erwachsenenbücher“ mit ihren Kategorien „Abenteuer“, Phantasie, Mystery, Krimi, Thriller, Spannung, Grusel/Horror und nicht zu vergessen „Märchen“ und logischerweise auch Sach- und Fachbücher in ihren jeweiligen Kategorien wie nur als Beispiel „Genuss“, „Gesundheit“, „PC“, „Wissen“.
    Als ich dann nach etlichen Jahren endlich dazu kam, meine Schätze aus ihren Umzugskartons wieder ans Zimmerlicht in ihre Regale zu lassen, war ich am Hadern…
    Irgendwie fühlte es sich für mich nicht richtig an, all die Abenteuer, phantastischen Geschichten, Krimis und und vor Spannung strotzenden Erlebnissen zwischen den Buchdeckeln, alle ganz trivial und profan nur der großen Oberkategorie „Jugendbuch“ zuzuordnen.
    Hinzu kamen zu dem Zeitpunkt auch die modernen Bezeichnungen „Young-Adult“ und „New-Adult“, mit denen ich bis heute nicht warm werde… also nicht mit den Geschichten selbst, sondern mit den Bezeichnungen… spielt es wirklich eine Rolle, ob der Protagonist 16 oder 22 ist?
    Wenn ich dann die Geschichten so lese, rolle ich innerlich so oft dermaßen mit den Augen, weil sich viele der über 20-jährigen Protagonisten verhalten wie 14 Jährige…
    dafür sind viele 16-Jährige Protagonisten in ihrem Handeln und Gedanken in den Geschichten ihrem Alter weit weit voraus…
    Deshalb finde ich diese Unterteilung für mich sehr müßig und sehr unnötig.
    Vor allem… mir ist es primär egal, wie alt die Hauptprotagonisten sind… die Geschichte muss mich unterhalten und ein klein wenig nachvollziehbar sein… egal ob ich mit 12-jährigen im Untergrund Kobolde besuche, oder auf Drachen reite oder die Scheidung der Eltern zu verarbeiten habe, oder eben 16-Jährige bei der Trennung der Eltern begleite oder das das Verschwinden eines Freundes aufklären will…
    Die Geschichte muss mich packen, die Protagonisten einigermaßen glaubwürdig denken und handeln und Tiefe haben.
    Doch genau das sorgte dafür, dass ich vor etlichen Jahren genau diese einfache Unterteilung in nur „Jugendbuch“ hinterfragte, denn auch Bücher für speziell jugendliche Leser haben so viel mehr, was sich nicht einfach hinter „Jugendbuch“ für mich einsortieren lässt… auch dort gibt es so viel phantastisches, kriminelles, spannendes, Lustiges und Gruseliges zu entdecken wie bei den Büchern für Erwachsene.
    Und ich mit Ü40 tauche nach wie vor sehr sehr gerne auch in die Jugendbuch-Welt, egal ob Young-Adult oder New-Adult, lesend ab.
    Was wären mir für tolle Geschichten die letzten Jahrzehnte entgangen, wenn ich nicht tun würde und mich tatsächlich nur auf „Erwachsenen-Bücher“ beschränken würde.

    Gefällt 1 Person

    1. Jetzt fällt mir irgendwie ein Stein vom Herzen, dass ich nicht die einzige bin, die ihre Probleme mit diesem Label hat! Ich bin noch nicht ganz 100% dahinter gekommen, was mich warum genau stört. Aber selbst wenn man beispielsweise wie Federfarbenfee, die hier auch schon kommentiert hat, schon als Jugendliche keine Jugendbücher lesen wollte oder wenn man als Erwachsene immer noch Jugendbücher liest, dann deutet das doch darauf hin, dass mit der Kategorie irgendwas nicht ganz rund ist. Ich finde, man braucht die Buchwelt nicht doppelt. Wenn ich das Genre Fantasy mag, dann muss ich nicht pauschal Romanfiguren u20 ausgrenzen – und brauch auch keine extra Bezeichnung für Romane mit Protagonisten zwischen 20-30, wie du zu den neuen Genres „Young Adult“ und „New Adult“ schreibst.
      Wie hast du deine Bücher denn im Regal nun sortiert? Ich hab die Bücher einfach gemischt und dann nach Belletristik, Sachbuch, Fantasy und dann noch nach Sprachen eingeteilt.
      LG, Tala

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      1. Ups… es gab ja schon eine Antwort von Dir….
        Mit lauter Bienenschwärme fangen etc.pp… komplett durchgerutscht…

        Dass ich ein Problem mit dem Label „Jugendbuch“ habe, hab ich auf meine „Leselebenvergangenheit“ geschoben…
        Hab mit 14 sowohl „Hanni und Nanni“ als auch „die unendliche Geschichte“, aber auch „Es“ gelesen und geliebt und erfreue mich auch heute noch genauso an diesen Geschichten.

        Wie ich meine Bücher in den Regalen sortiert habe…?
        Momentan garnicht.
        Es schlummern alle viele Meter hoch und breit aufgestapelt in Kartons… zum Teil schon im zukünftigen Heim, zum größten Teil aber noch hier im jetzigen Heim überall verteilt.
        Aber ich weiß, wie ich sie in mein Bücherstudio sortieren werde.
        Zukünftig wird die Sortierung so sein, dass die „U18-Bücher“ aufgrund ihrer Kriterien in die Oberkategorien „Kinderbücher“ (Bilderbücher und Bücher bis 8-10) „Jugendbücher“ unterteilt sind, aber dennoch gerade die Jugendbücher zusätzlich noch nach Genre.
        Klassiker, Märchen und Märchenadaptionen haben wieder ihre eigene Kategorien.
        Es gibt also beispielsweise sowohl die Kategorie „Fantasie-Ju“ als auch „Fantasie“.

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      2. Na das klingt sehr einleuchtend und ich wünsch dir viel Erfolg beim Umzug 😊 — Und „Hanni und Nanni“ und „Es“ sind eine interessante Kombination!!!
        Ganz liebe Grüße,
        Tala

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