Nachts in einer anderen Welt: Die „Bücher der Mitternacht“ von Rose Snow

Ein bisschen ist das ja in Wirklichkeit tatsächlich so: Wir legen uns ins Bett, machen die Augen zu und tauchen ein in eine Traumwelt. Für die Hauptpersonen der Dilogie „12 – Die Bücher der Mitternacht“ des Autoren-Duos Rose Snow ist das auch so, nur extremer. Denn Nacht für Nacht führen sie quasi ein zweites Leben in einer fantastischen Traumwelt.

Rose Snow: Bücher der Mitternacht Bd.1 und Bd.2
Verlag: Ravensburger Verlag
ISBN: 978-3-473-40190-1
Seitenzahl: 447
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Erscheinungstermin: 1. Januar 2020


Worum geht’s?

Harper Bennets Freund liegt nach einem Umfall im Koma und sie fühlt sich schuldig. Im richtigen Leben ist Harper zwar mit der Schule fertig, weiß aber noch nicht so recht, was sie danach machen soll. Deswegen jobbt sie in einer Schuhladenkette, die zum Imperium einer extrem reichen Familie gehört. Gleichzeitig beginnt sie nachts von einer geheimnisvollen, dunklen Stadt zu träumen, vor deren Toren irgendwie altmodisch, aber doch freizügig und verführerisch gekleidete Menschen Schlange stehen, um eingelassen zu werden. Dort und im richtigen Leben taucht plötzlich Cajus Counterville, der Sohn der steinreichen Schuhladen-Dynastie, auf und behauptet, dass er ihr helfen kann, ihren Freund aus dem Koma zu befreien – braucht dazu aber genau genommen ihre Mithilfe. Harper hat eine Menge Vorurteile gegen den arroganten, reichen Cajus und die beiden streiten sich ganz herzallerliebst. Worauf das hinausläuft, ahnt ihr. Was es mit Harpers Freund auf sich hat, möchte ich auch noch nicht verraten.

Spannende Welt, leider einige Klischees

Rose Snow verstehen es, mitreißende Bücher zu schreiben. Einmal angefangen, saugt einen die Story regelrecht ins Buch. Mit Noctaris, der dunklen Traumstadt, haben die beiden Autorinnen eine verruchte, zauberhafte Welt geschaffen, in der alles möglich ist. Die Menschen, die sich hier tummeln, sind angeblich nur die besonders Kreativsten, aber auch hier geht es letztlich zu wie überall auf der Welt – es gibt solche und solche. Mir haben die vielen magischen Details und Facetten gut gefallen und auch die Szenen, in denen Harper in ihrer Gutgläubigkeit in peinliche Situationen geschlittert ist. Auch gab es kaum einen Charakter, der nicht mehrere Seiten hätte – es gibt kein plakatives Gut und Böse, was ich sehr schätze.

er lateinische Schriftzug "nox et amor, vinumque, nihil moderabile suadent" hier im Bild heißt frei überstezt: "Die Nacht, die Liebe und der Wein kennen keine Zurückhaltung" und passt hervorragend zu den Büchern der Mitternacht von Rose Snow (Bild: "Die Nacht", Hans Sebald Beham, 16. Jahrhundert, Rijksmuseum, Public Domain)
Der lateinische Schriftzug „nox et amor, vinumque, nihil moderabile suadent“ hier im Bild heißt frei überstezt: „Die Nacht, die Liebe und der Wein kennen keine Zurückhaltung“ und passt hervorragend zu den Büchern der Mitternacht von Rose Snow (Bild: „Die Nacht“, Hans Sebald Beham, 16. Jahrhundert, Rijksmuseum, Public Domain)

Die besondere Kreativität der Träumenden stellt für mich eine der Problemzonen der Geschichte dar. Harper und Cajus gehören zu den besonders Begabten, Kreativen, sonst könnten sie nachts nicht in die Traumwelt reisen. Also musste ein kreatives Hobby her, das die beiden ungleichen Charaktere verbindet – die Malerei. Allerdings haben Rose Snow es nicht geschafft, mich als Leserin glaubhaft davon zu überzeugen, dass die beiden wirklich so künstlerisch begabt oder auch nur interessiert sind. Harper schon eher, sie verarbeitet ihre Eindrücke gern in rauschhaften Malanfällen. Aber bei Cajus kam das eher aufgesetzt rüber und die Fachsimpelei über berühmte Werke der Kunstgeschichte hat es auch nicht eindrücklicher vermittelt. (Ich zeichne und male übrigens selbst, aber ich bin selten über historische oder moderne Kunst so furchtbar ins Schwärmen gekommen, aber vielleicht bin ich da ja ein Sonderfall.)

Mit Harper selbst konnte ich mich ganz gut identifizieren, bis auf ihr Verhältnis zu ihrem Freund. Da dieser ja von Anfang an im Koma lag, hatte ich als Leser nie eine besondere Verbindung zu ihm und konnte auch Harpers Gefühle für ihn nicht nachvollziehen. Harper selbst ist einerseits zwar nicht auf den Mund gefallen, andererseits durchaus zurückhaltend oder schüchtern. Auf jeden Fall ist sie so unentschlossen, was ihre Lebensplanung und ihr Selbstbewusstsein angeht, dass sie den Anstoß von außen braucht, um auf ihr Herz zu hören. Im Laufe der Geschichte entwickelt sie zum Glück aber auch eigene Handlungskraft und Mut.

Hervorragend fand ich den Charakter von Harpers bestem Freund, der mit seinem Selbstbewusstsein, seiner Imperfektion und seinem Witz wirklich erfrischend und untypisch daher kam.

Umso klischeehafter ist die Figur Cajus Conterville geraten. Klar, wir alle lieben die dunklen, geheimnisvollen Typen in diesen Geschichten. Aber muss er dann auch noch überirdisch gut aussehen und exorbitant reich sein? Ich meine, wir beschweren uns immer, dass Frauen auch anno 2020 noch mehrheitlich auf Männer stehen, die erfolgreicher sind, als sie selbst und das quasi alle Beteiligten extrem unter Druck setzt. Vielleicht müssen mal andere Vorbilder her! Die Geschichte hätte auch ohne den Reichtum und Erfolg funktioniert.

Einen Ausflug in die Traumwelt wert

Alles in allem lebt die Geschichte glücklicherweise auch nicht nur von der sich anbahnenden Lovestory, sondern dreht sich tatsächlich um die actiongeladenen Geschehnisse in der Traumwelt. Wer also eine mitreißende Lektüre sucht, kann hier nichts falsch machen. Punktabzug gebe ich für die verwendeten Klischees.

Bewertung: 4 von 5.