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Wann ist ein Roman ein Jugendbuch?

Im letzten Jahr habe ich einige Romane gelesen, die als Jugendbuch eingestuft bzw. mit der Angabe „ab 12“, „ab 14“ oder „ab 16 Jahren“ versehen waren – darunter diesen ab 12, diesen ab 14 und diesen ab 16. Viele dieser Bücher davon fand ich sehr spannend, manche vom Thema, Stil und dem Handlungsaufbau durchaus anspruchsvoll, bei anderen war die Story vorhersehbarer und der Stil einfacher gestrickt. Aber immer wieder drängte sich mir die Frage auf: Was macht einen Roman eigentlich zum Jugendbuch und wann sagt man, es sei ein Buch für Erwachsene? Kann man das überhaupt so genau unterscheiden? Und ist ein Roman durch das Attribut „Jugendbuch“ künstlerisch weniger wertvoll?

Bist du „raus aus dem Alter“?

Mir ist klar, dass reine Kinderbücher für Erwachsene oft zu in zu einfacher Sprache geschrieben sind und vielleicht auch Themen behandeln, die Erwachsene nicht mehr interessieren. Aber bei Jugendbüchern ist die Grenze nicht so deutlich zu ziehen. Ist ein Roman, der sich mit den Sorgen und Problemen von Teenagern und jungen Erwachsenen beschäftigt, in dem es zum Beispiel um Freundschaften, Selbstfindung und erste Liebe geht, für Ältere automatisch nicht mehr interessant? Mögen Erwachsene Bücher mit jungen Protagonisten automatisch nicht mehr lesen? Oder liegt es am Setting, das sich mit Schule und Elternhaus an der jugendlichen Realität orientiert? Vielleicht habe ich mich ja seitdem mental nicht weiterentwickelt, denn mich haben junge Romanfiguren noch nie gestört, wogegen mich sehr viel ältere Hauptpersonen viel eher irritiert haben.

Bist du „ab 12“, „ab 14“ oder eher „ab 16“?

Auf Wikipedia steht, dass die Altersangabe bei Literatur in Deutschland (im Gegensatz zu anderen Ländern) freiwillig ist. Aber sicherlich spielen bei den Angaben Aspekte des Jugendschutzes (z.B. in Bezug auf Gewalt und Sex) eine Rolle. Lustigerweise kann man durch die Altersangabe zum Beispiel erraten, ob das Liebespaar im Roman sich maximal küsst oder ob und in welcher Ausführlichkeit mehr passiert. Dass die „Heartless“-Trilogie von Sara Wolf ab 16 eingestuft ist, liegt vermutlich daran, dass hier anschaulich gestorben wird. Diese Alterskennzeichnung schließt aber eine ältere Zielgruppe nicht aus, sondern lediglich eine jüngere mit ein. Im erwähnten Wikipedia-Artikel steht übrigens auch: „Daher wird angenommen, dass diese Literatur verstärkt von Erwachsenen gelesen werde (z. B. Harry Potter oder Fantasy-Romane) und sich nur scheinbar an Jugendliche richte.“

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Kann das denn gut sein?

Manchmal haftet Kinder- und Jugendliteratur offenbar der Makel an, keine „richtige“ Literatur zu sein. Zum Beispiel forderte Manuela Schleswig 2015, zu diesem Zeitpunkt noch Bundesfamilienministerin, mehr Anerkennung für Jugendliteratur in diesem Land. Auch in dem Fachbuch „Aspekte der Kinder- und Jugendliteratur“ klagen die Autorinnen Bettina Bannasch und Eva Matthes offenbar über zu wenig Wertschätzung für dieses Buchgenre: „Der Trivialitätsverdacht behauptet sich hartnäckig … Vielleicht am verhängnisvollsten in dem Bemühen um Anerkennung von Kinder- und Jugendliteratur in der ‚seriösen‘ Literaturwissenschaft erweist sich ihre Beziehung zur Pädagogik. Ästhetik und Erziehung scheinen einander unversöhnlich gegenüberzustehen.“ (Hinweis: Ich habe das Buch nicht selbst gelesen, nur diese ausführliche Rezension!).

Persönlich glaube ich nicht, dass Kinder- und Jugendbücher die einzigen sind, die um literarische Anerkennung kämpfen müssen. Denn auch Unterhaltungsliteratur aller Art geht es schließlich im Vergleich zur sogenannten „Hochliteratur“ genauso. Ich finde die Begrifflichkeit fragwürdig – sollte nicht alle Literatur den Leser unterhalten? Und da halte ich es mit der „Schreibtrainerin“ Dr. Anette Huesmann, die dazu schreibt: Alle Bücher haben ihre Daseinsberechtigung. Die oft ideologisch geführte Diskussion um den Wert von Büchern scheint mir vollkommen am eigentlichen Sinn von Büchern vorbeizugehen.“ Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Hast du noch Fantasie?

Merkwürdig finde ich, dass manche Artikel (wie der oben zitierte Wikipedia-Text) Fantasy-Literatur in einem Atemzug mit Jugendliteratur nennen. Als ob erwachsene Hirne keine erfundenen Welten mehr verarbeiten könnten und sich Fantasy-Literatur deshalb ganz automatisch an Kinder und Jugendliche richtet. Dabei geht es in den meisten Büchern um ganz universelle Dinge: Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Betrug, Krieg und Frieden, Bedrohungen und Krisen – Sachen, die uns alle angehen und beschäftigen, egal in welchem Alter und Setting. Das hat nichts mit Wirklichkeitsflucht zu tun. Aber natürlich gibt es Fantasy für Kinder, für Jugendliche, für Erwachsene. Die Grenzen sind fließend.

Vielleicht spielt die Bezeichnung gar keine Rolle. Die meisten Bücher sind auch für Erwachsene geeignet, aber nicht alle auch für Jugendliche. Was sagst du? Und hast du auch schon mal aus Versehen ein Jugendbuch gelesen?