Musik und Schuld – Über „Marie“ von Nastassja Böcher

[Rosen] von Bertolini, Norbert - Vorarlberger Landesbibliothek, Austria - CC BY.

Auf den Roman „Marie“ von Nastassja Böcher bin ich aufmerksam geworden, als ich zum Release meiner neuen Dystopie „Dunkellied“ um Posts mit Gitarrenthema gebeten habe, und von Nastassja Böcher ein Roman-Zitat bekommen habe. „Marie“, ein Roman über Seelenverwandtschaft und Schuld, Musik und Liebe, hat mich positiv überrascht. Normalerweise markiere ich eher selten schöne Zitate in einem Buch, aber bei „Marie“ habe ich das ziemlich oft getan.

Das Beitragsbild stammt heute von Norbert Bertolini und befindet sich in der Sammlung der Vorarlberger Landesbibliothek in Österreich (Europeana, CC BY).

Buch-Cover "Marie" von Nastassja Böcher mit einer Frau in weißem Kleid, die in die Natur geht

Nastassja Böcher

Marie

2026
356 Seiten
ISBN 978-3-903443-58-7

Wolfgang Hager Verlag


Worum geht’s?

Als der Musiker Robin vor einem Auftritt noch einen Kaffee trinken geht, trifft er sie plötzlich – Marie. Wegen der grässlichen Brandnarben in ihrem Gesicht muss sie es zweifellos sein: Marie, die kleine Schwester seiner früheren Freundin. Genau der Freundin, die an den Folgen eines Autounfalls gestorben ist, bei dem Robin am Steuer saß. Während er sein Leben im Griff zu haben geglaubt hatte, holt ihn seine Vergangenheit nun wieder ein und stellt auch seine Gegenwart gehörig auf den Kopf. Er hat Albträume und Marie spielt darin eine nicht unwesentliche Rolle. Und ist es wirklich eine gute Idee, dass er sie wiedersehen will?

Wie war’s?

Robin war mir durch und durch sympathisch. Er wählt seine Worte mit Bedacht, wägt seine Handlungen ab, ist empathisch und bevor er wichtige Entscheidungen trifft, holt er (meistens) den Rat seiner Freundinnen und Freunde ein. Gleichzeitig nimmt die Musik, seine Leidenschaft, den größten Raum in seinem Leben ein, er ist chaotisch und kreativ.

Die meiste Zeit ist die Geschichte in der ersten Person Präsens aus Robins Sicht geschrieben, bis auf einige Kapitel im Präteritum, bei denen es sich um Rückblenden handelt. Spannend fand ich, dass die Geschichte in einer Zeit vor Smartphones und Navigationsgeräten spielt, was die Protagonisten vor andere Herausforderungen stellt als es heute der Fall wäre. Das hält die im Jahr 2000 geborene Autorin auch konsequent und glaubwürdig durch und es passt sehr gut zur Geschichte.

„Marie“ ist langsam erzählt, sehr introspektiv und atmosphärisch. Es gibt schöne, personifizierte Landschaftsbeschreibungen. In vielen von Robins Gedanken habe ich mich wiedererkannt, z.B. wenn er an einer Rosen-Verkäuferin vorbeigeht und bemerkt:

„Ich hätte daran denken sollen, dass ich aus irgendeinem mir nicht bekannten Grund dazu neige, die Aufmerksamkeit solcher Menschen auf mich zu ziehen. Vielleicht, weil mir anzusehen ist, dass ich schlecht Nein sagen kann.“

An manchen Stellen wollte ich Robin aber auch schütteln, weil er gute Gelegenheiten, reinen Tisch zu machen, verstreichen ließ. Wieder zögerte. Wahrheit und Lüge verschwimmen ließ.

Mit Marie begegnet Robin einer Seelenverwandten, die ihn versteht und ergänzt. Ein schönes Zitat von ihr:

„Man braucht einfach einen Raum zum Träumen […] Und dieser Raum ist das Ungewisse. In dem Vorhersehbaren, in dem Festgelegten kann man nicht träumen, es funktioniert nicht. Es schließt sich gegenseitig aus.“

„Marie“ ist ein Roman über Liebe und Schuld, der ohne Spice auskommt und voller fascettenreicher Haupt- und Nebenfiguren und kluger Alltagsbeobachtungen steckt. Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung.

3 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar