Schillernd wie die südamerikanische Flora und Fauna: Andrea Wulfs „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“

Cover "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt" im Gras

Andrea Wulfs „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“ ist wie ein prachtvolles, buntes Märchenbuch mit wahrer Geschichte. Es ist weder ein gewöhnliches Sachbuch noch ein Roman, sondern vielmehr eine von Lillian Melcher schillernd bunt illustrierte Graphic Novel bzw. ein Comic für ein erwachsenes Publikum. Hier vermischen sich historisch verbriefte Fakten über Humboldts Südamerikaexpedition mit erfundenen, teilweise witzigen Dialogen und Monologen Humboldts.

Cover Die Abenteuer des Alexander von Humboldt von Andrea Wulf

Andrea Wulf

Die Abenteuer des Alexander von Humboldt

Illustration: Lillian Melcher

Übersetzt von Gabriele Werbeck
Originaltitel: The Adventures of Alexander von Humboldt, Pantheon Books, New York, 2019
Hardcover, Halbleinen, 272 Seiten
ISBN: 978-3-570-10350-0


Worum geht’s?

Der berühmte Wissenschaftler und Abenteurer Alexander von Humboldt reiste von 1799 bis 1804 zusammen mit dem französischen Naturforscher Aimé Bonpland durch Amerika. Unterwegs erforschten sie die Geografie, die Tier- und Pflanzenwelt und einheimische Kulturen. Dabei sammelten und entdeckten sie tausende neue Arten. Humboldt kritisierte in seinen daraus resultierenden Schriften nicht nur die Sklaverei und Unterdrückung der einheimischen Bevölkerungen, er entwickelte auch äußerst moderne Theorien über die Zusammenhänge und Verflechtungen der Natur und über die Bedrohung dieses natürlichen Gefüges durch die Menschheit.

Wie war’s?

In Andrea Wulfs und Lilian Melchers Comic kommt Humboldt selbst zu Wort. Als alter Mann erzählt er im Rückblick von seiner Reise – nicht ohne Augenzwinkern, denn der Humboldt im Buch weiß auch von Ereignissen, die nach seinem Tod geschehen sind und kommentiert sogar Andrea Wulfs Arbeit.

Diese Seite lässt sich auf doppelte Größe aufklappen. - Blick ins Buch: Andrea Wulf "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt"
Diese Seite lässt sich auf doppelte Größe aufklappen. – Blick ins Buch: Andrea Wulf „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“

Für das Buch hat Andrea Wulf verschiedenste historische Quellen angezapft, die auf den letzten Seiten alle säuberlich aufgelistet und verlinkt sind. Lilian Melcher hat ihre Zeichnungen mit originalen, von dieser Reise mitgebrachten gepressten Pflanzen kombiniert. Collagenhaft hat sie Humboldts handschriftliche Notizen, Briefe und Zeichnungen eingebaut. Trotz dieser Farbigkeit und dem erzählerischen Witz, verliert das Buch doch nie die vielen Entdeckungen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Akribie, mit der Humboldt zu Werk ging, aus dem Blick.

Gepresste Pflanzenteile und handschriftliche Notizen Humboldts fügen sich collagenhaft ins Comic ein. - Blick ins Buch: Andrea Wulf "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt"
Gepresste Pflanzenteile und handschriftliche Notizen Humboldts fügen sich collagenhaft ins Comic ein. – Blick ins Buch: Andrea Wulf „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“

Allein aus den Schilderungen, in welchen extremen Situationen – sei es am Rande einer porösen Eisschicht oder am Krater eines heißen, dampfenden Vulkans – Humboldt immer zuerst an seine Beobachtungen und Messungen dachte, erfährt der Leser einiges über dessen Charakter. „Forschung first“ könnte man sagen – egal, ob Sterne, Vulkane, Berge, Pflanzen, Tiere, Sprachen, Architekturen und Bergwerke oder Temperatur, Breitengrade und Luftdruck … Humboldt interessierte einfach alles. Dafür nahm er monatelange anstrengende Märsche unter widrigsten Bedingungen auf sich. Die für ihn arrangierten Gesellschaften und die ihn umschwärmenden Damen interessierten ihn dagegen nur bedingt, obwohl ihn sein Redetalent fast überall im Handumdrehen zum Star machte.

Blick ins Buch: Andrea Wulf "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt"
Blick ins Buch: Andrea Wulf „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“

Im Buch wechseln sich lockere Dialoge, die einzelne in Briefen, Erzählungen oder Aufzeichnungen verbriefte Geschehnisse wiedergeben, mit längeren Textpassagen, in denen Humboldt seine Forschungen erläutert. Es gibt sogar einen Running Gag (José, das Barometer!). Aber allein durch die geschilderten Handlungen und Entscheidungen Humboldts, der alles am eigenen Körper erfahren und testen musste, habe ich ein lebendiges Bild von diesem außergewöhnlichen Menschen bekommen. Trotz des Comic-Stils ist das Buch eine anspruchsvolle Lektüre, die ich über eine längere Zeit hinweg quasi häppchenweise als Einschlaflektüre gelesen habe.

Was meint ihr - was ist heute noch von Humboldts und Bonplands Ruhm geblieben? Blick ins Buch: Andrea Wulf "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt"
Was meint ihr – was ist heute noch von Humboldts und Bonplands Ruhm geblieben? Blick ins Buch: Andrea Wulf „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“

Zum Schluss steht Humboldt wie zu Beginn des Buchs wieder in seiner Bibliothek und philosophiert über sein eigenes Leben: „Nach mir sind mehr Orte, Pflanzen und Tiere benannt als nach irgendjemandem sonst!! Ich war so berühmt, dass mein hundertster Geburtstag weltweit gefeiert wurde. […]“ Nur um dann in der nächsten Sprechblase frustriert auszurufen: „Und dann …? … Sicher, die Deutschen kennen mich natürlich noch, aber in anderen Ländern bin ich völlig in Vergessenheit geraten. Nach alldem? Ich war schließlich weltberühmt, jedes Schulkind kannte meinen Namen. Selbst wenn ich der bescheidenste Mensch auf Erden wäre (was ich nun wirklich nicht bin), würde ich es nicht verstehen. Meine kühnen Abenteuer, meine Entdeckungen, meine Vorstellungen von der Natur als Geflecht des Lebens … und meine Warnungen vor der Zerstörung der Umwelt … Wie konnten die Menschen das nur komplett ignorieren?“ Und die letzte Sprechblase lasse ich hier mal im Raum stehen: „War wirklich alles vergebens?“

5 Kommentare

    1. Nein, ich glaube, das ist ein Trugschluss. Die Kinder schalten da ab, dafür sind die Texte zu lang und zu wissenschaftlich (hab es ausprobiert, obwohl die Bilder zunächst sehr anziehend waren). Jugendliche vielleicht eher – aber dafür ist der Spannungsbogen einfach nicht groß genug. Es besteht aus vielen kleinen Anekdoten. Ich denke eher, es ist eine leichte Lektüre für Erwachsene, ein „Augenschmaus“ für Kunstinteressierte. Es wurde vom Feuilleton der großen Zeitungen sehr gefeiert. Aber sie haben es nicht Comic genannt, vermutlich, weil das Genre bei uns ja den Ruf hat für Kinder zu sein. Ehrlich gesagt, bewegt sich das Buch zwischen allen Rastern…
      LG, Tala

      Gefällt 1 Person

      1. Gerne – ich hab gerade nochmal nach anderen Rezensionen gesucht, aber zur Zielgruppe hab ich spontan nichts gefunden! Es ist auch nicht 1:1 der Humboldt-Bestseller von Andrea Wulf, sondern basiert viel auf erst danach zugänglich gewordenen Tagebucheinträgen Humboldts. 🙂

        Gefällt 1 Person

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