Das konnte nicht gutgehen – über „Parallel“ von Matthias Lehmann

Buchcover "Parallel" von Matthias Lehmann

Eins vorweg: Meine Überschrift bezieht sich nicht auf die Qualität dieser Grapic Novel, denn die hat mich voll überzeugt. Aber diesen Satz hab ich immer wieder gedacht, als Hauptperson Karl Kling wieder einmal versuchte, eine richtige Familie zu haben. Einen Ort, an dem er sich geborgen fühlt. Mit Menschen, die er mag. Das konnte nicht gutgehen, weil er gleichzeitig sein Schwulsein verheimlichen musste, denn das war in der Nachkriegszeit, in der die Geschichte spielt, strafbar. Das konnte nicht gutgehen, weil die ganze Ehe, das Familienglück, jedes Mal wieder auf einer Lüge aufbaute. Das konnte nicht gutgehen, wenn der eine nur Freundschaft und Geborgenheit sucht und die andere Liebe und Treue.

Buchcover "Parallel" von Matthias Lehmann

Parallel

Matthias Lehmann

ISBN 978-3-95640-256-2
464 Seiten, schwarzweiß,
18 x 25 cm,
Hardcover,
29,00 €

Verlag: Reprodukt (hier gibt es auch eine Leseprobe)


Worum geht’s?

Die Graphic Novel „Parallel“ erzählt die Geschichte von Karl Kling, der einsam in Rente auf sein Leben zurückblickt, in dem er sich einerseits mit einem Freund unterhält, andererseits versucht einen Brief an seine Tochter zu verfassen. Den Kontakt zu ihm hat sie abgebrochen, nie hat er ihr die Wahrheit über sein kompliziertes Gefühlsleben offenbart. – Die Geschichte eines ganz späten Outings sozusagen.

Wie war’s?

Auf dieses Buch bin ich durch eine kurze Notiz im Stadtmagazin Kreuzer aufmerksam geworden. Ich fand es schon allein durch das historische Setting der Nachkriegszeit zwischen Ost und West interessant – auch in dieser Hinsicht bewegt sich Karl Kling „parallel“. Weder hier noch da hatte er es wegen seiner Liebe zu Männern jemals leicht.

Ich hab die 450 Seiten innerhalb kürzester Zeit weggelesen. Dabei war ich so vertieft, dass ich angeblich nicht auf Ansprache reagiert habe, wurde mir hinterher bescheinigt. Folglich konnte mich Matthias Lehmann völlig in die Lebensgeschichte von Karl Kling hineinziehen. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich, denn es ist meines Erachtens eine besondere Kunst, im Comic Charaktere so tiefgründig auszuarbeiten.

Blick ins Buch "Parallel" von Matthias Lehmann - auf der Seite sieht man Karl Kling mit seiner zukünftigen Frau steif nebeneinander im Bett, sie will heiraten, er verlässt das Haus
Blick ins Buch „Parallel“ von Matthias Lehmann

Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen sind aquarellhaft gehalten, weder besonders schön, noch hässlich, wie ich finde. Die Geschichte hat mich durch ihre Erzählweise, nicht unbedingt durch ihren Zeichenstil begeistert.

An vielen Stellen hat mich Karl Klings Lebensgeschichte sehr betroffen gemacht. Zwar ist Schwulsein heute nicht mehr verboten und die meisten Menschen sehen es auch nicht mehr als „Krankheit“ an, die man abschalten könnte, wenn man denn wöllte. Karl Kling ist innerlich zerrissen. Er wünscht sich ein Zuhause und Zugehörigkeit, ist ein geselliger Mensch, der immer wieder schnell Anschluss findet. Aber um diesen Wunsch nach einer Familie, einem Zuhause, erfüllt zu bekommen, muss er seinen Wunsch nach Liebe, einer Beziehung zu einem Mann, aufgeben oder verheimlichen. Und hier wieder der Satz vom Anfang: Das kann nicht gutgehen. Er sitzt in einer lebenslangen Zwickmühle fest und versucht sich im Rückblick zu erklären.

Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung – sowohl als geschichtlich interessante, wie auch spannende und berührende Lektüre.

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