Dann werde ich eben Baum! – „Frauen ohne Männer“ von Shahrnush Parsipur

Die iranische Autorin Shahrnush Parsipur hat „Frauen ohne Männer“ schon in den 1970er Jahren als eine Reihe von Novellen geschrieben. 1989 erschienen sie erstmals in Romanform und waren im Heimatland der Autorin sofort ausverkauft und verboten. 2009 erhielt die Film-Adaption „Women without men“ von Shirin Neshat einen Preis bei den Filmfestspielen in Venedig. 2012 erschien das Buch auf Deutsch bei Suhrkamp / Insel und 2019 auf Dänisch im Gyldendal-Verlag. Letztere Fassung hab ich gelesen – und für gut befunden. Warum? – Das will ich kurz zusammenfassen.

Cover Shahrnush Parsipur - Frauen ohne Männer - Suhrcamp Verlag

Shahrnush Parsipur
Frauen ohne Männer

Mit einem Nachwort der Autorin
Aus dem Farsi von Jutta Himmelreich

Erschienen: 13.08.2012
Bibliothek Suhrkamp 1471, Gebunden, 134 Seiten
ISBN: 978-3-518-22471-7


Für mich war es unglaublich exotisch, mental ins Teheran der 1950er Jahre einzutauchen. Auf den Straßen herrscht Aufruhr und Krieg, hinter den Haustüren Langeweile – nicht nur für die weiblichen Protagonisten. Deren Leben kreist beispielsweise um ihre Jungfräulichkeit, um die Fragen, wer das bessere Essen kocht und ob der Bruder der Freundin auf einen aufmerksam wird, wie man sich auch ohne Mann fortpflanzen könnte, wieso man alle Männer plötzlich ohne Köpfe sieht oder wann der nervige Ehemann nun endlich das Haus verlässt, damit man in Ruhe seinen Tagträumen nachgehen kann. Diese Lebenswelten von fünf sehr unterschiedlichen Frauen flicht die Autorin geschickt so zusammen, dass sie sich am Ende in einem wundersamen Garten in Karadsch (damals noch ein Dorf!) begegnen, eine Weile begleiten und wieder trennen. Im Mittelpunkt stehen Lebensträume – die Welt sehen, Parlamentsmitglied werden, eins werden mit der Natur.

Welche Wahl hast du im Leben?

In „Frauen ohne Männer“ geschehen unerwartete Dinge. Die realistischen Schilderungen münden plötzlich in magischen Transformationen und grotesken Ereignissen. Tod bedeutet nicht unbedingt das Ende, es erwächst Neues. Das menschliche Ich, die geschlechtliche Identität sprengt ihre Ketten, überschreitet Grenzen. Das alles schildert Shahrnush Parsipur mit einer ungeheuren Poesie.

Für dieses originelle und einzigartige Büchlein musste Shahrnush Parsipur zum zweiten Mal ins Gefängnis. Auch ihre anderen Bücher sind in ihrer Heimat verboten. Zusammengerechnet verbrachte sie fünf Jahre in Gefangenschaft. Heute lebt die Autorin in Kalifornien.

Von mir bekommt „Frauen ohne Männer“ eine absolute Leseempfehlung – weil es zum Nachdenken anregt, kurzweilig, ungewohnt und poetisch ist.

Bewertung: 5 von 5.