3 Irrtürmer übers Mittelalter

Ausschnitt aus einer mittelalterlichen Buchmalerei aus dem Codex Manesse mit Lindenblättern, Helm und Schild und zwei Vögeln

Bei der Recherche für mein Buch „Lindenherz – 824 Jahre durch die Zeit“ sind mir immer wieder falsche Vorurteile übers Mittelalter begegnet, die auch in Büchern und Filmen gerne auftauchen. Beim Schreiben wollte ich deswegen bewusst damit brechen.

Hier kommen meine Top 3:

Irrtum 1: Die Menschen im Mittelalter badeten nie

Jeder kennt diese Vorstellung von schmutzigen, stinkenden Menschen, die sich nur einmal im Jahr wuschen. Oft wird das mit dem „finsteren Mittelalter“ assoziiert, obwohl die Vorurteile gegen regelmäßiges Waschen erst zum Ende des Mittelalters, nämlich zur frühen Neuzeit als Folge der Pest-Epidemien, einsetzten.

Vorher gab es in den Städten rege genutzte Badehäuser und auf dem Land zumindest eine Grundhygiene. Natürlich kann man das nicht mit heutigen Standards vergleichen, aber dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass auch in den 1950er Jahren auf den Dörfern noch einmal in der Woche eine Zinkbadewanne vom Dachboden geholt und mühsam mit auf dem Herd erwärmten Wasser gefüllt wurde, bevor alle nacheinander darin badeten. An anderen Tagen wusch man sich am Waschbecken. Wäsche musste auch vor 70 Jahren oft noch mühsam per Hand gewaschen werden.

Ein Mann im Badezuber unter einem Baum wird von Frauen gewaschen
Codex Jakob von Warte, Buchmalerei in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), um 1305-1340, Universitätsbibliothek Heidelberg, Public Domain, digital unter: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0088/text_heidicon

Und so ähnlich hielten es die meisten Leuten im Mittelalter eben auch, denn stinken zählte vermutlich nie zum menschlichen Schönheitsideal. Die Schmerzgrenze lag dabei vermutlich höher als bei uns heute. Einen schönen Blogpost zum Thema hat der Historiker Ralf Grabuschnig geschrieben.

In meinem Roman „Lindenherz“ hab ich mir die Chance nicht entgehen lassen, ein paar erotisch angehauchte Badeszenen einzubauen. Ein bisschen Spaß muss sein, oder?

Irrtum 2: Schwertkämpfe dauern minutenlang

Kennt ihr solche Szenen aus Historienfilmen? Minutenlang liefern sich die beiden Kontrahenten schwerterschwingend einen harten Kampf. Schweiß tropft, es wird geschnauft und unermüdlich weiter gekämpft. Und habt ihr schonmal eine Kampfszene aus dem „Parzival“ gelesen? Das geht so: Angriff, zack, Gegner fällt um. Parzival triumphiert. Das ist zeitgenössische Literatur, die auf einem Erfahrungswert basiert. Ein echter Schwertkampf musste kurz und effizient sein.

Zwei Ritter mit Schild und Schwert im Zweikampf vor Publikum
Von Scharpfenberg, Buchmalerei in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), um 1305-1340, Universitätsbibliothek Heidelberg, Public Domain, digital unter: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0403/text_heidicon

Diesen Unterschied zwischen Schaukampf und echtem Schwertkampf beschreibt der Historiker Daniel Ossenkamp wunderbar in seinem Artikel „Schwertkampf im europäischen Mittelalter – Fiktion und Realität“: „Der große Unterschied zum Schaukampf ist, dass in einem richtigen Kampf der Gegner so schnell wie möglich bezwungen werden muss. Mit jeder Sekunde steigt die Wahrscheinlichkeit, selbst getroffen zu werden. Schaukämpfe sind aber darauf ausgelegt, ein Publikum zu unterhalten.“

Natürlich soll ein Kampf in einem Roman wie „Lindenherz“ auch unterhalten. Schreibt mir gern eure Meinung, ob mir dabei die Balance zwischen historischer Korrektheit und Unterhaltung gelungen ist.

Irrtum 3: Der Ritter auf dem HOHEN Ross

Ein interessantes und oft übersehenes Detail: Im Mittelalter sahen viele Haustiere anders aus als heute. Die Züchtung stand noch am Anfang. Viele Tiere waren daher kleiner als heute, zum Beispiel Pferde. Schaut man sich historische Darstellungen von Rittern auf Pferden an, sieht man auch, dass sich die Füße der Herren vergleichsweise nah in Bodennähe befinden. Das ist also nicht unbedingt ein Fehler des Künstlers, sondern liegt daran, dass viele Pferde damals kleiner waren. Einen interessanten Artikel dazu findet ihr hier.

Ein Ritter auf einem kleinen grauen Pferd gibt einer Burgdame einen Brief
Herr Leuthold von Seven, Buchmalerei in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), um 1305-1340, Universitätsbibliothek Heidelberg, Public Domain, digital unter: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0324/text_heidicon

Schweine wiederum ähnelten noch stärker als heute borstigen Wildschweinen und verbrachten einen Großteil des Jahres freilebend an den Waldrändern, wo sie sich von Eicheln und Wurzeln ernährten. Da konnte es auch schon mal zu Kreuzzungen mit Wildschweinen kommen.

Hühner gab es im Mittelalter auch schon, aber auch da dürft ihr euch kein fettes Masthuhn vorstellen, sondern eher Minihühner. In einer Darstellung im „Vogelbuch Friedrichs II. Italien“, um 1260, sieht ein Hahn kaum größer als die neben ihm dargestellte Taube aus. Trotzdem entwickelt sich bereits die Zucht und Aufteilung in Mast- und Legehühner, wie die Historikerin Ruth M. Hirschberg im Artikel „Geflügel und seine Haltung im Mittelalter“ beschreibt: „Alters- und Geschlechterverhältnis im Fundgut weisen auf eine zunehmende Differenzierung der Hühnernutzung in der mittelalterlichen Geflügelwirtschaft hin – es entstehen Landrassen mit stärkerer Fleisch- bzw. stärkerer Ei-Nutzung.“


Darüber hinaus gibt es noch ein paar mehr solche Beispiele, die mich sehr faszinieren. Ihr ahnt, warum es fünf Jahre gedauert hat, bis ich meinen Roman fertig geschrieben hatte, wenn ich immer wieder in die Fachliteratur abgetaucht bin. Sicherlich sind mir trotzdem Fehler unterlaufen und viele Details zum Alltagsleben im Mittelalter sind heute auch schlichtweg unbekannt. Aber ich hab mich bemüht!

Alle Infos zum Buch „Lindenherz – 824 Jahre durch die Zeit“ hab ich hier zusammengestellt.

9 Kommentare

    1. Dankeschön! Ich finde das sehr faszinierend, denn viele Standard-Vorstellungen sitzen ganz schön fest im Kopf, die hinterfragt man gar nicht mehr. Dazu gehört eigentlich auch noch die graue Burg mit den rohen Mauern – dabei waren die im Original vermutlich hübsch verputzt und sind in späterer Zeit erst verwittert. 🙂
      Ganz liebe Grüße,
      Tala

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    1. Ja, da muss einfach die innere Ligik stimmen, den Rest darf man erfinden 😉 ich hatte mir mal eine Geschichte ausgedacht, wo es durch mehrere Jahrhunderte gehen sollte… hab ich dann aufgegeben 😂
      Liebe Grüße, Tala

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  1. Wow der Beitrag passt ja perfekt zu meiner derzeitigen lektüre- ach ja ich lese ja gerade Lindenherz XD Spaß beiseite, der Artikel war wirklich lehrreich und ich habe größten Respekt vor der Arbeit, die in deinem Buch steckt. Das merkt man, finde ich, auch auf jeder Seite! Weiter so 😊

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