Wölfe gegen Traumata – „Das Lied der Wölfe“ von Rena Fischer

Loch Ness (Bild von rewind auf Pixabay)

Zur Zeit hab ich ziemlich viel Stress auf Arbeit und wenn ich frei habe, möchte ich am liebsten vollkommen in eine andere Welt abtauchen. Was eignet sich da besser als ein richtig spannender Roman? Es ist schon bezeichnend, dass ich Rena Fischers „Das Lied der Wölfe“ in dieser Situation dem dritten Band der Zeitreise-Trilogie von Marina Neumeier vorgezogen habe. „Das Lied der Wölfe“ ist ein erstes Resultat meines neues Twitter-Profils – ich bin dort über diesen Roman gestolpert, hab ihn spontan gekauft und in zwei Tagen ausgelesen.

Worum geht’s?

Rena Fischer

Das Lied der Wölfe

dtv premium 
512 Seiten,
ISBN 978-3-423-26287-3
21. Mai 2021

Cover/weitere Infos: dtv Verlag


Ausnahmsweise kein Fantasy-Roman, ausnahmsweise kein „Jugendbuch“: „Das Lied der Wölfe“ handelt von Kaya, einer jungen Biologin, die für ihren neuen Job Lobby-Arbeit für die Wiederansiedlung freilebender wilder Wölfe in den schottischen Highlands machen soll. Dass das in einer Region, die von der Schafzucht lebt, kein Zuckerschlecken wird, ist jedem sofort klar. Das ist der eine Teil der Geschichte. Viel größeren Raum nimmt die Familiengeschichte von Kayas neuem Arbeitgeber, einem vielbeschäftigten Milliardär mit eigenem Wolfsgehege, ein. Denn da gibt es Konflikte, Traumata und gut gehütete dunkle Geheimnisse. Auch Kaya selbst ist traumatisiert nach einer toxischen Beziehung. Als sie auf Nevis, den kriegsversehrten und schwer traumatisierten Sohn ihres Arbeitgebers trifft, Sprühen erstmal die Funken.

Wie war’s?

Wie ich schon geschrieben habe, bin ich voll abgetaucht in die schottischen Highlands. Rena Fischer lässt ihre Protagonisten Kaya und Nevis abwechselnd erzählen. So lernt man beide sehr gut kennen und nach und nach erahnt man immer mehr dunkle Geheimnisse. Das Interessanteste an diesem Roman war für mich die psychologische Entwicklung beider Figuren, die zögerliche Annäherung, das langsame Überwinden von Barrieren und Hindernissen. Eine leise Liebesgeschichte mit starkem Fokus auf die Psyche der beiden Hauptpersonen.

Ich hab unterwegs einiges gelernt über schottische Geschichte und Kultur (ersteres manchmal in etwas zu belehrender, langatmiger Weise vermittelt), es gab viele ausführliche (hin und wieder für meinen Geschmack zu gewollt poetische) Landschaftsbeschreibungen, aber auch (so weit ich das beurteilen kann) sehr glaubwürdige und anschauliche Beschreibung der Ängste und Reaktionen bei Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS).

Notering på kortet: The Highlands. Inverness. Bohusläns museum. Public Domain (https://www.europeana.eu/en/item/916105/bhm_photo_UMFA54672_0726)
Historische Postkarte: The Highlands. Inverness. Bohusläns museum. Public Domain/ Europeana

Sehr gut fand ich, dass das Thema körperliche Behinderung und Vorurteile so anschaulich und unaufdringlich eingeflochten wurde. Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, wie ich selbst reagieren würde an Stelle der Protagonisten. Ich mochte beiden Hauptpersonen gern zuhören – Nevis noch lieber als Kaya. Keine der Figuren, auch der Nebencharaktere, hatte nur gute oder schlechte Seiten, was sie alle sehr lebensnah und glaubwürdig wirken ließ.

Die Geschichte war, wie gesagt, rundherum spannend und mitreißend. Aber unterwegs hab ich mich manchmal gefragt, warum sich die Handlung wieder einmal um einen Sohn steinreicher Eltern drehen musste wie so viele andere Romane auch. Klar, die sind auch nur Menschen und selbstverständlich sind auch ihnen gegenüber Vorurteile weit verbreitet, die sicher nicht unbedingt stimmen. Aber muss es anno 2021 wirklich immer noch der superreiche Typ sein, wenn er denn schon muskulös und gutaussehend ist?

Faszinierend und streitbar - Wild lebende Wölfe, die Westeuropa zurückerobern (Bild von Christel SAGNIEZ auf Pixabay)
Faszinierend und streitbar – Wild lebende Wölfe, die Westeuropa zurückerobern (Bild von Christel SAGNIEZ auf Pixabay)

Da werden Erinnerungen wach!

Die Geschichte hat mich an zwei andere Romane erinnert: Einmal „Erinnere dich nicht“ von Katharina Münz (es ist bisher nur Band 1 erschienen, ich warte seit Ewigkeiten auf die Fortsetzung ;-). Auch hier geht es um einen nach einem Auslandseinsatz traumatisierten Soldaten, der allerdings überhaupt nicht reich ist. Dafür die Frau, die er (zufällig) von ihrem Selbstmordversuch abhält und die vorübergehend mit Gedächtnisverlust bei ihm einzieht. Und zum anderen an Nicolas Evans „Im Kreis des Wolfs“, das schon seit meiner Jugendzeit zu meinen Lieblingsbüchern gehört. Ich glaube, es ist das einzige Buch, das ich drei Mal oder öfter gelesen habe! Hier geht es ebenfalls um eine junge Biologin, der das Leben von (amerikanischen) Farmern schwer gemacht wird. Die Liebesgeschichte ist ebenfalls still und leise und ungewöhnlich, denn sie verliebt sich in einen deutlich jüngeren Farmersohn, der wegen seines Stotterns von seinem Vater verachtet wird. Fast hätte ich wegen diesem Buch Biologie studiert und war drauf und dran ebenfalls Wölfe zu erforschen, so sehr haben mich die Naturbeschreibungen mitgerissen. Obwohl die Wölfe natürlich auch bei Rena Fischer einen großen Teil der Geschichte ausmachten und ich auch ein paar interessante, für mich neue Fakten (über Wölfe und Raben) gelernt habe, hat mich dieser Teil der Beschreibung nicht hundertprozentig überzeugt.

Fazit: „Das Lied der Wölfe“ war genau die richtige Lektüre für 1,5 Tage Pause vom Arbeitsstress. Einfach Abtauchen nach Schottland und Mitfiebern und Mitfühlen mit Kaya und Nevis. Die Charaktere waren authentisch und liebenswert. Das Setting wildromantisch – aber für mich fast zu viel des gängigen Highland- und Lovestory-Klischees.

Bewertung: 4 von 5.

3 Kommentare

  1. Im Kreis des Wolfs hat mich auch total überzeugt. Ich war hin und weg von der Geschichte. Sie hat mir so gut gefallen, dass ich mir dann sogar noch den Pferdeflüsterer ausgeliehen habe. Und auch der war überzeugend. Super geschrieben. Beide Bücher.

    Liebe Grüsse

    Gefällt 1 Person

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